Wandern mit Kindern auf den Azoren

Wandern mit Kindern auf den Azoren: Vier Tourenberichte

Azoren mit Kindern? Mein Reiseführer sagt nein, ich halte ein dickes JA dagegen! Denn die Azoren sind nicht nur ein herrliches Familienreiseziel, sondern sie eigenen sich auch hervorragend zum Wandern mit Kindern. Leider konnten wir nicht ganz so viel wandern wie geplant, weil wir – für euch natürlich – die örtlichen Ärzte, Apotheken und Krankenhäuser getestet haben ;-) Drei Touren haben wir aber gemacht, und jede war ein Highlight.

Hinweis: Die genannten Gehzeiten bei den nachfolgenden Tourenbeschreibungen sind unsere reellen Zeiten, d.h. Blumen pflücken, Steine sammeln und Landschaft bestaunen sind inklusive, unsere großen Picknickpausen habe ich nicht eingerechnet.

Tour 1: Durch die Teeplantagen von Chá Gorreana

Teeplantagen hier in Europa? Klar, es gibt sogar gleich zwei auf den Azoren, nämlich die traditionsreiche Teefabrik Chá Gorreana und die kleine, gemütliche Plantage Chá Porto Formoso. Durch beide Teeanbaugebiete führen Rundwanderungen. Da wir die Teefabrik Porto Formoso vor zwei Jahren bereits besichtigt hatten, entschieden wir uns dieses Mal für die Wanderung bei Chá Gorreana.

Beginn der Wanderung Cha Gorreana

Los geht’s! Hier beginnt die Wanderung durch die Teeplantage Chá Gorreana.

Motiviert und gut gelaunt starteten wir unsere erste echte Wanderung des Urlaubs. Der Wanderweg war sehr leicht zu laufen. Er führt über weite Teile über eine breite Piste, die von den Fahrzeugen der Arbeiter auf der Teeplantage befahren wird. Dennoch kamen wir ordentlich ins Schwitzen, hatten wir die Kraft der Sonne an diesem schönen Maitag doch ordentlich unterschätzt. Der gut 1 km lange Anstieg bei prallem Sonnenschein überschattete Lottas Wanderlust enorm. Eine kleine Snackpause und ein paar Griffe in die Motivationstrickkiste brachten sie letztlich aber gut den Berg hinauf. Die Belohnung waren herrlichste Aussichten: Satt grüne Teeplantagen mit blauem Meer und Himmel im Hintergrund – ein Träumchen, auch für Vierjährige!

Ausblick auf Chá Gorreana

Ausblick auf die Teeplantage Chá Gorreana: Sind die Farben nicht ein Traum?

Die zweite Weghälfte war ein Selbstläufer, schließlich führte der Weg bis zur Teefabrik nur noch bergab. Unterwegs hatten wir das Glück, Arbeiter bei der Teeernte zu beobachten. Vier Männer trugen eine Art elektrische Heckenschere über die Teepflanzen und schnitten damit die obere Schicht der Teepflanzen ab.

Arbeiter bei der Teeernte

Chá Gorreana: Arbeiter bei der Teeernte

In Säcken werden die Teeblätter dann runter zur Teefabrik transportiert, wo nur die ersten drei Blätter der Teepflanzen (1. Orange Pekoe, 2. Pekoe und 3. Broken Leaf) zu Schwarz- oder Grüntee verarbeitet werden. Das haben wir uns nach unserer Wanderung natürlich auch noch angeschaut. Die Produktionsräume von Chá Gorreana sind frei zugänglich, und neben den alten Maschinen (teils aus den 1920ern!) konnten wir auch beobachten, wie die Mitarbeiterinnen von Hand die Stiele aus den Teeblättern aussortieren. Leni hätte am liebsten gleich mit geholfen, musste sich dann aber damit begnügen, ein paar Münzen in die Trinkgeldbüchse der Angestellten zu werfen. Zum Abschluss durfte natürlich die gratis Teeverkostung nicht fehlen, während unsere Mädels das hausgemachte Eis probiert haben (lecker, aber die Sorten sind nicht besonders Kleinkind kompatibel, der leckere Kuchen eignet sich da besser).

Nachdem wir bei unserer letzten Reise als Souvenirs Tee von der Nachbarplantage Chá Porto Formoso mitgebracht haben, gab es für unsere Familie und Freunde dieses Mal Tee von Chá Gorreana. Falls ihr auch mal den milden, komplett biologisch angebauten Tee der Azoren probieren möchtet, so könnt ihr ihn direkt online bei Chá Gorreana beziehen (meiner Recherche nach die günstigste Online-Variante).

3,4 km – 170 Höhenmeter – 2 Stunden Gehzeit

Kleiner Tipp: Im Anschluss an diese Miniwanderung bietet sich ein Strandbesuch an der nahe gelegenen Praia dos Moinhos an.

Tour 2: Rocha da Relva – in eine andere Welt eintauchen

Für unsere nächste Wanderung sind wir an die Südwestküste von São Miguel gefahren. Bei der Suche nach dem Startpunkt haben wir uns allerdings etwas schwer getan. Da die wenigen Parkgelegenheiten am Miradouro do Caminho Novo belegt waren, parkten wir unseren Mietwagen kurz vor dem Abzweig zum Pico do Carvão in einer kleinen (inoffiziellen) Haltebucht auf der linken Seite (vom Aussichtspunkt kommend). Wir liefen zurück zum Aussichtspunkt und folgten dann rechts einer holprigen Piste, an dessen Ende sich ein Parkplatz befindet. Hier beginnt die Wanderung nach Rocha da Relva eigentlich.

Rocha do Cascalho

In Rocha do Cascalho soll die Wanderer ein schöner Picknickplatz erwarten.

Die offizielle Wanderbeschreibung schickt die Wanderer zunächst 600 Streckenmeter und gute 100 Höhenmeter hinunter nach Rocha do Cascalho und wieder zurück. Da wir ab Parkplatz bis Startpunkt schon 1,2 Zusatzkilometer absolviert hatten, ließen wir den Abstecher sicherheitshalber ausfallen und orientierten uns ohne Umschweife rechts nach Rocha da Relva.

Rote Felswände aus Sandstein

Gelb, orange, rötlich leuchtet der vom Wetter geformte Sandstein.

Der Wanderweg hangelt sich gemütlich an der Steilküste entlang. Rote Sandsteinfelsen begleiteten uns, unten rauschte das Meer, um uns herum raschelte das Grün im Wind. Die Zivilisation schienen wir weit hinter uns gelassen zu haben.

Erste Häuser von Rocha da Relva

Mauern säumen den Weg, die ersten Häuser von Rocha da Relva tauchen vor uns auf.

Als die ersten Steinhäuser von Rocha da Relva in Sicht kamen, traten wir förmlich in eine andere Welt ein. Eine ruhige, friedliche Welt, in der die Uhren anders ticken. An die teils steilen Hänge klammern sich Gärten, in denen Obst, Gemüse und Kräuter angebaut werden. Und Wein. Vor allem Wein. Ein besonderes Mikroklima begünstigt das Wachstum und gibt den Früchten einen ganz besonderen Geschmack. Wir wanderten entlang der schwarzen Mauern aus Vulkangestein und lugten neugierig in die Gärten. Jeder Garten ist individuell dekoriert. Bojen, Fischernetze, Rettungsringe, Bootsteile. Phantasievoll zu einem neuen Ganzen zusammengesetzt.

Gartendeko Rocha da Relva

Nützliches & Nippes: Solarpanel, Antenne und Gartendeko Marke Eigenbau


Dorfplatz Rocha da Relva

Willkommen am Dorfplatz von Rocha da Relva!

Kaum sind wir auf Meereshöhe angekommen, standen wir auch schon im „Zentrum“ von Rocha da Relva. Ein geschmückter Schrein, die Flagge der USA neben der Portugals gehisst, Geranien in Balkonkästen und ein betonierter Picknickplatz mit Sonnenschirm. Interessanter Stilmix. Wir folgten dem Weg noch ein gutes Stück weiter, passierten heraus geputzte Sommerhäuschen neben verlassenen Ruinen. Anwohner sahen wir zwei plus eine offene Verandatür, die Anwesenheit vermuten ließ. Auf einem Treppenabsatz legten wir eine Picknickpause ein und beobachteten die Flugzeuge, die den nahe gelegenen Flughafen in Ponta Delgada ansteuerten und diesem skurrilen Ort noch mehr Paradoxie verliehen.

Als das Wetter umschlug, machten wir uns auf den Rückweg, der ab Dorfausgang ziemlich steil bergan führte. Lotta jammerte, ich japste, Leni schlief auf meinem Rücken. Den steilen Serpentinenabschnitt meisterten wir trotzdem mit Bravour, weil ich Lotta mit einem „ich hole dich gleich ein“ anstacheln konnte. Als wir die letzten Häuser und Gärten hinter uns gelassen hatten, war die komplette Steilküste in Nebel eingehüllt. Wie surreal! Wie passend zu dieser Wanderung. Wir zogen unsere Regenjacken an und liefen überraschend vergnügt durch den leichten Regen. Endlich mal echtes Azoren-Wetter, gerüchteweise soll man hier schließlich alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben können. Den krönenden Abschluss lieferte dann dieses Schild:

Bela Vista

Bela Vista – Schöne Aussicht.

ca. 6,5 km – 200 Höhenmeter – 3:15 Stunden Gehzeit

Kleiner Tipp: Nur 10 Kilometer Luftlinie entfernt, an der Nordküste der Insel, sieht das Wetter oft ganz anders aus. Nach dieser phantastischen, aber am Ende feuchten Wanderung ließen wir uns am Strand Praia de Santa Bárbara in der Sonne trocknen und genossen ein wohl verdientes, leckeres Essen in der TukáTulá Bar.

Tour 3: Abenteuerwanderung zum Salto do Cabrito

Selten widerspreche ich den Michael Müller Reiseführern, bei dieser Wanderung allerdings vehement. „Die Tour ist nicht für Kinder geeignet! Absolute Schwindelfreiheit ist Voraussetzung.“, heißt es. Gut, wir sind nur den ersten Abschnitt der beschrieben Tour von den Caldeiras da Ribeira Grande bis zum Wasserfall Salto do Cabrito (und wieder zurück) gelaufen, für diesen Teil gebe ich aber ganz klar Entwarnung. Natürlich muss man als Eltern auf den Nachwuchs aufpassen, das versteht sich von selbst. Wir können uns zum Glück nicht beschweren, Lotta folgt unseren Anweisungen (zumindest beim Wandern) sehr gut und lässt sich bei gefährlicheren Abschnitten gerne an die Hand nehmen.

Caldeiras da Ribeira Grande

Hier köchelt der Cozido etwa sechs Stunden vor sich hin.

Beim Startpunkt der Wanderung dampft und brodelt es. Wie in Furnas köchelt auch hier in der heißen Erde die Nationalspeise, der „Cozido“, vor sich hin. Der Eintopf enthält Kartoffeln, Möhren, Kohl sowie Schweine-, Rinder-, Hühnerfleisch und Würstchen, seine besondere Note verleihen ihm die im Schwefeldampf enthaltenen Mineralien. Wir haben es beim Gucken belassen. Von dem Gedanken, dass die Erde das Essen kocht, war Lotta allerdings schwer fasziniert.

Trampelpfad zum Salto do Cabrito

Geradeaus ist langweilig. Durch den Wald und über Rohre klettern ist cool!

Zu Beginn folgten wir der Straße bergan, bis wir rechter Hand auf ein dickes, grünes Rohr gestoßen sind. Laut Wanderbeschreibung sollten wir dort rechts den abzweigenden Schotterweg nehmen. Auf Empfehlung folgten wir jedoch dem Trampelpfad direkt neben dem Rohr, der deutlich mehr Abenteuerkomponente besaß. Das Rohr mussten wir an zwei Stellen über eine kleine Treppenkonstruktion überqueren. Anschließend schlängelte sich der Pfad durch ein Wäldchen, wobei wir wieder klettern durften, dieses Mal über ein paar umgekippte Baumstämme.

Wanderung durch den Urwald

Der Trampelpfad durch den Wald wurde für Lotta schnell zum Urwald-Erlebnis. Kinder und ihre Phantasie – herrlich!

Nach Lottas „Urwald“ führte der Weg in Serpentinen hinab zum stillgelegten Kraftwerk Fajã do Redondo, wo bereits das nächste Abenteuer auf uns wartete. Der Wanderweg führte ab hier über Metallstege, die auf das Wasserrohr aufgesetzt waren. Ein herrlicher Abenteuerpfad für kleine Entdecker!

Brücke über den Fluß

Brücke über den Fluß

Rechts neben uns plätscherte der Fluss dahin, der sich schließlich durch eine Schlucht wand. Über teils recht steile Treppen stiegen wir zum Wasserkraftwerk hinab, hinter dem sich unser Wanderziel, der wunderschöne Wasserfall Salto do Cabrito, befand. Picknickpause! Schuhe aus, Füße ins Wasser, Kulisse genießen. Wer Schwimmsachen mitbringt (wir natürlich mal wieder nicht), kann hier auch zum Fuße des Wasserfalls schwimmen.

Salto do Cabrito

Schwierige Lichtverhältnisse, kein Weitwinkel und keinen Filter dabei. Egal, es war ein Träumchen!

Nach einer ausgiebigen Pause an diesem schönen Ort machen wir aus auf den Rückweg. Wir stiegen die Treppen hinauf und liefen über die Metallstege bis zum Wasserwerk. Einzig die Serpentinen bergan durch den Wald sorgten für etwas Gemopper bei Lotta, der Abenteuerpfad durch den „Urwald“ machte die Anstrengungen des Aufstiegs aber schnell wieder vergessen. Der Rest des Weges war dann nur noch ein Klacks. Zumals als Belohnung heute noch die heißen Quellen der nahe gelegenen Caldeira Velha lockten.

ca. 5 km – 200 Höhenmeter – knapp 3 Stunden Gehzeit

Tour 4: Quatro fábricas da Luz

Eine Wanderung durch die Geschichte der Industrialisierung von São Miguel, vier Wasserkraftwerke bzw. ihre Überreste und idyllische Wasserfälle. Diese Wanderung bei Água de Alto hätte ich furchtbar gerne gemacht – leider mussten wir krankheitsbedingt passen. Als kleines Trostpflaster haben wir die „Lightversion“ gewählt: Wir sind von Água de Alto aus (R. Lugar da Praia) das kurze Stück bis zum Traumwasserfall Cascata do Segredo gelaufen.

Cascata do Segredo

Das Tolle: Wir mussten diesen Traumwasserfall nur kurz teilen und hatten ihn dann für uns.




Tipps zum Wandern mit Kindern auf den Azoren

Die Azoren bieten reichlich Wandermöglichkeiten, von Kurztouren bis Tageswanderungen ist alles dabei. Auf einen speziellen Wanderführer kann man gut verzichten. Zum einen beinhaltet auch der Azoren-Reiseführer* vom Michael Müller Verlag bereits 43 Wanderungen, zum anderen stehen auf der offiziellen Tourismusseite der Azoren alle Tourenbeschreibungen kostenfrei zur Verfügung. Die komfortable Suche ermöglicht eine Filterung nach Insel, Schwierigkeit, Länge sowie Form (Rund- oder Streckenwanderung). Kleiner Tipp: Nutzt die englische Version der Webseite, denn dort könnt ihr jede Tourenbeschreibung unter „Downloads“ als PDF öffnen (Trail Leaflet) und zur Mitnahme beim Wandern ausdrucken. Wer dennoch einen klassischen Wanderführer* mit sich führen will, der greift am besten auf den Klassiker vom Rother-Verlag zurück.

Dangerous Road

Beim Wandern mit Kindern auf den Azoren sollte man die Höhenmeter gut im Blick haben.

Wichtig bei der Tourenauswahl, gerade beim Wandern mit Kindern auf den Azoren, ist ein Blick auf die Höhenmeter, von denen hat São Miguel nämlich einige zu bieten. Die höchste Erhebung der Insel, der Pico da Vara, misst 1.103 Meter, und zur Küste hin fällt die ohnehin nur 16 Kilometer schmale Insel steil ab. Es ist daher nicht verwunderlich, dass selbst die einfachen, kürzeren Wanderungen schnell mal 200 Höhenmeter beinhalten. Eine Faustformel beim Wandern mit Kindern besagt Folgendes:

Lebensalter x 1,5 km UND 100 Höhenmeter entsprechen 1 km

Wir fahren mit dieser Rechnung nach wie vor ziemlich gut. Lotta ist mit ihren 4,5 Jahren alle Wanderungen problemlos selbst gelaufen. Bei steilen Anstiegen hat sie natürlich auch mal gemoppert, dass sie nicht mehr laufen kann, allerdings ist sie, kaum oben angekommen, schon wieder wie eine junge Gazelle herum gesprungen.

Wandern mit Kindern auf den Azoren – ja oder nein? Unterstützt ihr meine Wanderempfehlung für Familien oder seid ihr anderer Ansicht?

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