Besseggen

Jotunheimen, Etappe 3: Memurubu – Besseggen – Gjendesheim

Heute stand die Königsetappe auf dem Plan! Enthusiastisch sprang ich auf und schleppte meinen (morgens) weniger enthusiastischen Mann zum Frühstücksbuffet. Es war ja schon angenehm, sich an eine reichhaltig gedeckte Tafel zu setzen. Nach dem Frühstück machten wir uns schleunigst startklar: Zelt abbauen, Fleece-Jacken sowie Proviant und Digicam im Tagesrucksack verstauen, Rucksäcke packen und pünktlich zum Gjende-Boot bringen. Check!

Insider-Tipp!!!
Kleidungstechnisch probierten wir heute übrigens mal die „norwegische Variante“ aus, die wir uns bei den Einheimischen abgeguckt hatten: Lange Unterhose plus Regenhose drüber. Ich nehme schon mal vorweg, dass es sich darin verdammt angenehm lief! Man ist viel beweglicher, als wenn man das Regenzeugs über die Wandhose zieht, zudem ist diese Variante auch atmungsaktiver. Kann ich nur weiterempfehlen!

400 Höhenmeter bergauf

Los ging`s! Als erstes hatten wir die 400 Höhenmeter vor der Brust, die wir am Vorabend abgestiegen waren. Entgegen aller Befürchtungen war das jedoch ein Klacks! Ich hatte ganz vergessen, wie angenehm es sich doch ohne großen, schweren Rucksack lief. Selbst mein Muskelkater schnurrte nur leise vor sich hin. Weniger leise waren hingegen die Schüler, die zeitgleich mit uns gestartet waren. Klar, die Wanderung über den Besseggen ist eine der meist frequentierten Routen schlechthin: Etwa 30.000 Menschen wandern diese Etappe pro Jahr. Ich hatte allerdings gehofft, dass sie es nicht alle zeitgleich mit uns täten…

Oben angekommen führte der Weg uns in leichtem bergauf und bergab in Richtung Besseggen. Wir kamen recht flott voran, leider trübte sich jedoch die Sicht von Meter zu Meter. Dicke Nebelschwaden zogen herauf und machten sich im Gjende-Tal breit. Ich befürchtete das Schlimmste!

Besseggen im Nebel

Schnell war die Suppe so dick, dass wir durch einen einzigen, grauen Schleier wandelten. Irgendwann mussten wir den Besseggen fast erreicht haben, denn eine Handvoll Wanderer kauerte wartend auf den Steinen. „According to the map the Besseggen must be right ahead of us“, bestätigten sie uns. Na großartig. Ich war am Highlight meiner gesamten Norwegen-Reise angekommen und sah NICHTS!

Jan vor dem Besseggen........

Jan vor dem Besseggen, der sich im Nebel versteckte……..

Was tun? Ob Warten wohl etwas bringen würde, so dicht, wie der Nebel war? Wir ließen es auf einen Versuch ankommen. Leise umhüllte uns die Dunstglocke, die Feuchtigkeit schlüpfte heimlich in unsere Klamotten. Auch die warmen Fleece-Jacken, die wir flott unterzogen, halfen nicht gegen die ungemütliche Kälte. Die Zeit kroch! Der Nebel auch. Aber wie Wilhelm Busch schon sagte:

Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens aber später.

Nach guten 50 Minuten bekam der dicke Nebelvorhang kleine Löcher, die immer wieder mal einen Ausschnitt der Landschaft sichtbar machten. Nach und nach zerfiel der graue Schleier in einzelne Nebelschwaden, die von dem frischen Wind zügig durch das Gjende-Tal getrieben wurden. Mal konnte ich zwischen den Schwaden den tiefblauen Bessvatn ausmachen, mal wurden Teile der türkisfarbenen Gjende sichtbar, ein anderes Mal konnte ich einen Blick in das gegenüber liegende Leirungsdalen werfen. Der Nebel veränderte die Landschaft im Sekundentakt. Selten habe ich so etwas Atmosphärisches erlebt!

Flott zückte ich die Kamera und begann, in die Nebellöcher hinein zu knipsen. Man muss nehmen, was man kriegen kann. Nach und nach wurden die Löcher zum Glück größer und die Nebelschwaden kleiner, bis nach einer weiteren halben Stunde endlich das Gesamtpanorama sichtbar wurde. Überwältigend!

Panoramablick

Panoramablick über den tiefblauen Bessvatn, die türkisfarbene Gjende, den markanten Berg Knutshøe (1.517 m) sowie das Leirungsdalen mit dem See Øvre Leirungen.

Wir verharrten noch über eine halbe Stunde an Ort und Stelle, um die herrlichen Aussichten ganz in uns aufzusaugen. Und um allerhand Beweisfotos zu machen natürlich.

Nicole und Jan vorm Gjendesee

Hinter uns erstreckt sich der 18 km lange Gjendesee.

Blick auf den Besseggen

Hinter dem dicken Felsbrocken in der Bildmitte liegt das Besseggen-Band. Der Höhenunterschied von 400 m zwischen Bessvatn und Gjende ist hier schön zu sehen.

Die Überquerung des Bandes

Es fiel uns enorm schwer, aber irgendwann mussten wir uns loseisen und weitergehen, schließlich hatten wir noch etwa zwei Drittel der Strecke vor uns. Gespannt und mit etwas Muffensausen im Gepäck stiegen wir hinab zum „Band“, der schmalen Felswand, die den blauen Bessvatn von der 400 m tiefer liegenden Gjende trennt. Ich weiß gar nicht mehr, woher ich die Info hatte, aber ich meine, gelesen zu haben, dass das Band an seiner schmalsten Stelle nur 2 Meter breit sein sollte. In meinem Kopf geisterte daher das Bild von einer wagemutig balancierenden Nicole auf dem Drahtseil ähnlichen Besseggen-Band umher, die krampfhaft auf einen kurzen, windstillen Moment für die Überquerung wartet. Alles Quatsch!

Das Band des Besseggen

Das „Band“ trennt die beiden Seen Russvatn und die 400 m tiefer liegende Gjende. (Handyfoto)

Wir liefen einige Schritte am Ufer des Bessvatn entlang, von wo aus wir ein paar Meter zum berühmten Besseggen-Band aufstiegen. Schwindelfreiheit ist an dieser Stelle wahrlich nicht gefordert! Das Band ist etwa 50 m breit und damit alles andere als ein Drahtseilakt. Ich war fast etwas enttäuscht, zumindest so lange, bis ich mir in Erinnerung rief, dass diese Felswand immerhin die Wasser des Bessvatn (1.373 m ü.d.M.) davon abhielt, 400 m steil hinunter in die Gjende zu stürzen. Und der Blick hinunter auf die Gjende war vom Band aus sagenhaft. Gerne hätten wir hier eine Pause eingelegt, allerdings war das gesamte Band von den norwegischen Schülern besetzt, die bereits die Memurubu-Hütte okkupiert hatten. Wir entschieden uns also, weiter zu gehen, um uns einen Vorsprung vor den Jugendlichen zu verschaffen.

Aufstieg über den Besseggengrat

Wir begannen den Aufstieg über den berühmten Besseggengrat. Gute 300 Höhenmeter lagen vor uns, die von unten betrachtet nach nichts Außergewöhnlichem aussahen. Irrtum!

Jan vor dem Besseggengrat

Jan vor dem Besseggengrat: Da ging`s hinauf. (Handyfoto)

Die Schwindelfreiheit, die ich glaubte, für das Band zu benötigen, war beim Besseggengrat gefragt. Immer wieder mussten wir die Hände zur Hilfe nehmen, unsere Stöcke schnallten wir außen am Tagesrucksack fest. An sich habe ich keine Probleme mit Abgründen – so lange ich fest und sicher stehe. Das war aber mitnichten der Fall! Manchmal stellten lose Steine meinen Gleichgewichtssinn auf die Probe. Manchmal führte der Weg auch so dicht am Abgrund entlang, dass ein Fehltritt mein Aus hätte bedeuten können. Bloß nicht daran denken, bloß nicht nach unten schauen!
Ich konzentrierte mich auf die jeweils nächsten Schritte, den Blick starr auf Weg und Fels gerichtet. Nur selten, wenn ich einen wirklichen sicheren Stand erreicht hatte, pausierte ich kurz, um einen Blick zurück auf das Band, die Gjende und das gigantische Gipfelpanorama des Jotunheimen zu werfen. Dann kletterte ich weiter, vorbei an einer norwegischen Schülerin in T-Shirt und leichten Sneakers, die auf einem (optisch wackeligen) Felsvorsprung saß und entspannt einen Joghurt löffelte. War ich so ein Weichei, das Mädel so tollkühn oder einfach nur lebensmüde? Egal, ich für meinen Teil wollte den Besseggengrat einfach nur hinter mich bringen.

Auf dem Dach der Welt angekommen

Irgendwann hatten wir „das Gröbste“ hinter uns: Der Besseggen war bezwungen! Ich atmete tief durch und merkte, wie die Anspannung langsam von mir abfiel. Ein erhebendes Gefühl.

Nicole nach dem Besseggengrat

Verschwitzt (vor Angst oder Anstrengung oder beidem?), aber glücklich freute ich mich, den Bessggengrat überwunden zu haben.

Noch einmal genoss ich den Blick zurück über den Besseggen zum Band und den beiden Seen. Ok, blauer Himmel, weniger Dunst und mehr Weitblick wären phantastisch gewesen, aber hey! Vor knapp 3 Stunden standen wir noch im dicksten Nebel, von daher konnte ich mit diesem Blick doch mehr als zufrieden sein.

Postkartenmotiv Besseggen-Blick

Der berühmteste Ausblick im Jotunheimen: Vom Besseggengrat hinunter auf die Seen Gjende und Russvatn, die nur durch das „Band“ getrennt werden.


Jan auf dem Besseggengrat

Gefühlt befanden wir uns auf dem Dach der Welt, von dem aus uns das gesamte Jotunheimen zu Füßen lag! (Handyfoto)

Nach dem Berg ist vor dem Berg

Entgegen meines Glaubens, oben angekommen zu sein, tauchten immer neue Bergkuppen vor uns auf. Es waren alles keine sehr langen oder steilen Anstiege mehr, aber der Weg über lauter Gestein und Geröll zog sich doch merklich. Ich war froh, als ich endlich den Auslauf des Gjende-Sees samt der Hütte Gjendesheim sehen konnte. Ein Schwung frische Motivation packte mich, so dass ich den Abstieg beschwingt und in flottem Laufschritt in Angriff nahm. Nach etwa 6,5 Stunden hatten wir unser Endziel Gjendesheim erreicht. Exklusive der bald zwei Stunden, die wir kurz vor dem Besseggen ausgeharrt hatten natürlich.

Tagesfazit

Wir hatten gerade mal eine halbe Stunde länger benötigt als das Karten-Soll. Ich war stolz soooooo auf uns!
Am Bootsanleger warteten auch bereits unsere Rucksäcke auf uns, die wir ja per Boot voraus geschickt hatten. Eine goldrichtige Entscheidung! Nicht auszudenken, wie Schwindel erregend die ganze Kraxelei am Besseggengrat womöglich mit vollem Gepäck gewesen wäre. Außerdem war ich froh, dass wir die Tour in diese und nicht in umgekehrter Richtung gelaufen sind. Zwar hätten wir bei der Gegenrichtung ständig das tolle Jotunheimen-Panorama im Blick gehabt, allerdings hätten wir beim Abstieg über den Besseggengrat auch die ganze Zeit den steilen Abgrund vor Augen gehabt. Nein, besser nicht!

Zahlen & Fakten
Start: Memurubu   −   Ziel: Gjendesheim (DNT)
14 km   −   6,5 h ohne Nebel-Pause (6 h laut Karte)   −   ↑ 985 m   −   ↓ 975 m
Trotz starkem „Verkehr“ ein absolutes Muss! Die Kraxelei am Grat ist anstrengend und erfordert Schwindelfreiheit, die grandiosen Aussichten belohnen aber jegliche Strapaze. Die Wanderung kann auch als Tagestour gegangen werden. Gjendesheim ist per Bus erreichbar, von dort fährt man am besten mit dem Gjende-Boot nach Memurubu und läuft dann über den Besseggen zurück.

Abschied vom Jotunheimen

Trotz der ganzen Warterei wegen des Nebels schafften wir es noch, den letzten Bus nach Fagernes zu erwischen, von wo aus wir am Folgetag in die Hardangervidda weiterfahren wollten. K.o., aber glücklich machten wir es uns im Bus bequem und genossen die schöne Aussichten, die sich uns entlang der Rv 51 boten. Tschüss, Jotunheimen, wir kommen wieder!

Ausblick entlang der Rv 51

Ha det bra, Jotunheimen, vi kommer en gang til!

 


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