Andere Länder, andere Sitten – das war das Motto unseres Silvester-Tages. Nach unserem Otavalo-Markt-Erlebnis haben wir einige Handwerksbetriebe in der Gegend besucht, um einen Einblick in das Arbeiten und das kulturelle Leben der indigenen Bevölkerung zu erhalten. Spannend und ernüchternd! Das absolute Highlight erwartete uns am Abend, als wir mit der gesamten Dorfbevölkerung von Tunibamba ins neue Jahr gefeiert haben. Einmalig und unvergesslich!
Traditionelles Handwerk: Totora-Matten
Unser erstes Ziel war das Städtchen San Rafael am Lago San Pablo, wo wir eine Flechterei besuchten. Hier durften wir zusehen, wie Schilfmatten geflochten werden.
Ecuadorianische Klänge
Weiter ging es nach Peguche. Hier wurde uns gezeigt, wie schnell und einfach man eine Panflöte herstellen kann, auch ohne Maschinen. Man nehme einige Bambusrohre und kürze eines davon mit einem Messer soweit, bis der gewünschte Grundton dabei herauskommt. Anschließend wird das nächste Bambusrohr zurecht geschnitten, etwas kürzer als das vorige, und so lange weiter gekürzt, bis der passende, nächste Ton entsteht. Am Ende werden alle Bambusrohre zu der Panflöte zusammen gebunden. Klingt banal, ist aber wirklich spannend, diesen Prozess visuell und akustisch zu verfolgen. Am Ende durften wir die Panflöten natürlich Probe spielen, wobei ich sang- und vor allem klanglos versagt habe.
Wie es richtig geht, hat uns dann die ganze Familie gezeigt: Sie spielten für uns einige traditionelle Lieder – einfach schön! Als Urlaubserinnerung habe ich gleich an Ort und Stelle eine CD mit diesen ecuadorianischen Klängen erstanden („Préstame el Camino“ von der Gruppe ñanda Mañachi).
Die spinnen, die Otavaleños!
Unser nächster Halt erfolgte im Dorf Carabuala, wo die Weber kunstvolle Schals und Halstücher anfertigen.
Das Weberhandwerk wurde uns von der Pike auf gezeigt. Zunächst wurde die Wolle von der Weberin gekämmt, was einiges an Kraft erfordert, wie ich feststellen musste. Die dadurch entstandenen Rollen hat ihr Mann zu einer langen Schnur zusammengefügt und locker aufgewickelt, um sie anschließend mit einem handbetriebenen Spinnrad aus Holz zu Garn zu spinnen. Mit Hilfe einer einfachen Webmaschine wurde schlussendlich aus dem Garn ein Schal gewebt. Beeindruckend und wieder eine höllische Arbeit für die 10 USD, die ein einzelner Schal einbringt.
Ich ärgere mich ziemlich, dass wir nur einen Schal als Mitbringsel erstanden haben. Für handgefertigte Strickware aus Schafs- oder Alpakawolle ist der Preis ein Schnapp, vor allem aber kommt das Geld hier in vollem Umfang den Webern zu Gute, und nicht irgendwelchen Zwischenhändlern. Wir hatten Sorge, dass wir gleich zu Urlaubsbeginn zu viele Sachen kaufen, die wir die restliche Zeit mit uns hätten herumschleppen müssen. Rückwirkend betrachtet gab es jedoch keinen besseren Ort als die Gegend um Otavalo, um Strickwaren und dergleichen zu erstehen. Solltet ihr also einmal in die Gegend kommen, kauft unbedingt dort ein!
Otavaleños – Die fleißigen Bienen Ecuadors
Tagesfazit: Heute durften wir hautnah erleben, warum die Otavaleños verhältnismäßig wohlhabend sind. Sie sind handwerklich auf vielen Gebieten äußerst geschickt, die Menschen sind fleißig und sie leben und bewahren ihre Traditionen und ihre Kultur. Hierfür sind die Otavaleños auch im ganzen übrigen Ecuador angesehen und respektiert. Auf allen unseren weiteren Reisestationen haben wir immer nur positive und anerkennende Aussagen über das Andenvölkchen gehört.
Vorbereitung auf den Jahreswechsel: Muñecas und Wegzoll
Neben der allgemeinen regionalen Kultur lernten wir an diesem Tag auch sehr viel über die verschiedenen Silvester-Bräuche des Landes.
Eine andere Sitte erlaubt es den Kindern, Schranken zu errichten und Wegzoll zu erheben, mit dem sie sich abends auf der Silvester-Feier z.B. Süßigkeiten kaufen können. Auf unserer Dörfertour konnten wir die Evolutionsgeschichte der Schranke im Zeitraffer erleben.
Bailamos! Auf ins Jahr 2012
Am Abend sind wir mit unserer Gastmutter Carmen und ihren Töchtern Laura und Julie zur Silvester-Feier von Tunibamba gegangen. Auf dem örtlichen Sportplatz war eine Bühne aufgebaut, auf der eine Liveband für Musik und Partystimmung sorgte. Diverse Verkaufsstände versorgten die Feiernden mit Snacks, Süßigkeiten, Bier und selbst gemachten Schnaps. Als stille Partygäste waren natürlich auch die muñecas dabei.
Während der Feier wurden immer wieder verschiedene Spiele gemacht, z.B. gegenseitiges Füttern mit verbundenen Augen, Sackhüpfen und ein Holzhackwettbewerb. In Deutschland undenkbar, hier waren Alt und Jung, Aktive und Zuschauer begeistert bei der Sache – ein riesiger Spaß! Außerdem wurde der letzte Tag des Jahres dazu genutzt, einigen Dorfbewohnern für ihre besonderen Dienste zu danken. Auch unsere Gastgeberin Carmen erhielt einen Geschenkkorb.
Irgendwann kaufte ich drei Bier für Carmen und uns zum Anstoßen, erntete dafür allerdings fragende Blicke. Was war falsch? Carmen holte ein paar Plastikbecher, verteilte sie an die umstehenden Leute und schenkte allen einen Schluck Bier ein. Ich sah mich um und stellte fest, dass das hier so Usus ist. Keiner trank aus der Flasche, das Bier wurde immer brüderlich und schwesterlich geteilt. Wieder etwas gelernt.
Auf einmal setze helle Aufregung ein. Den ganzen Abend lief schon ein Opa mit Silvester-Raketen herum, der etwas stündlich eine davon in die Luft jagte (direkt aus der Hand!), vielleicht als Countdown bis zum Jahreswechsel. Mit steigendem Biergenuss ließ aber ganz offenbar seine Koordination nach: Die Rakete steuerte schnurgerade auf den Gasgrill zu, prallte an der Gasflasche ab und erwischte die Oma hinter dem Grill, deren Poncho in Flammen aufging. Zum Glück ist nichts passiert, die Oma wurde sofort gelöscht. Einige schimpften, andere kicherten, und schon zwei Minuten später feierten alle fröhlich weiter, als sei nichts passiert. Eine skurrile Szene, die einmal mehr die Gelassenheit der Südamerikaner zeigte.

Die Tanzfläche füllte sich zusehends, und auch ich wurde zum Tanzen aufgefordert. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie man zu der schönen Andenmusik tanzt, aber die Hauptsache ist ja schließlich, dass es Spaß macht.
Feliz año nuevo 2012!

Das Schauspiel wollte ich natürlich mit der Kamera festhalten. Peng! Ein lauter Knall ertönte. Vor Schreck wich ich einen Schritt zurück und purzelte samt gezückter Kamera rücklings in den staubigen Graben. Das Fotografieren hatte sich damit erledigt, zum Glück aber nur für den Abend. Beim Verbrennen der Puppen war es anscheinend zu einer Verpuffung gekommen, kein Wunder bei der Benzinmenge.
Bereits um kurz nach halb eins machten wir uns auf den Heimweg. Wie waren k.o. von dem ereignisreichen Silvester, außerdem sollten wir am nächsten Morgen schon um kurz vor 8 Uhr zur Besteigung des Fuya Fuya abgeholt werden.
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