Familienfoto in Laredo

Erfahrungsbericht: So verlief unser 1. Reisejahr als Familie

Vor der Geburt unserer Tochter haben nicht wenige Menschen in unserem Umfeld geunkt, dass die Zeit unserer vielen, großen Reisen für die nächsten Jahre erst mal vorbei sei. Auf keinen Fall, sagten wir. Auch mit Kind wollten wir weiterhin aktiv die Welt entdecken. Natürlich war uns klar, dass sich unser Reisealltag mit Baby im Gepäck deutlich ändern würde, ein Verzicht aufs Reisen kam für uns aber trotzdem nicht in Frage – und das war auch gut so!

Reisen mit Baby: Ab wann ist das möglich?

Im Grunde spricht nichts dagegen, gleich nach der Wochenbettzeit mit seinem Baby zu verreisen – sofern Mutter und Kind wohlauf sind, versteht sich. Sooo eilig hatten wir es allerdings nicht.

Lotta im Weihnachtsoutfit

Unser 1. Weihnachtsfest zu dritt haben wir gemütlich zu Hause gefeiert.

Die ersten Wochen und Monate haben wir schlicht und ergreifend damit verbracht, uns an das neue Leben zu dritt zu gewöhnen. Wir haben es genossen, die Kleine ewig anzuschauen, viel mit ihr zu kuscheln, sie stolz unseren Verwandten und Freunden zu präsentieren und uns sogar von völlig fremden Passanten zum süßen Baby gratulieren zu lassen. Alles mit einem müden, aber seligen Grinsen im Gesicht, das wohl alle Hormon geladenen Neu-Eltern auszeichnet. Ans Reisen habe ich in dieser Zeit nie gedacht. Reisen heißt für mich „Erleben“, und erlebt haben wir auch so genug. Ich war vollauf damit beschäftigt, mich an die neuen Routinen und Handgriffe wie stillen, wickeln und Co. zu gewöhnen. Und dann waren da auch noch die Koliken. Bis zum Ende des vierten Monats litt Lotta häufig unter Bauchschmerzen, Blähungen und einem wunden Po, was natürlich und selbstverständlich mit reichlich Geschrei einher ging und stark an unseren Nerven zehrte. Nein, in dieser Zeit hätte ich nicht verreisen wollen.

Lotta mit 14 Wochen

Lotta mit 14 Wochen: Wach und gut gelaunt.

Ab dem fünften Monat wurde schlagartig alles entspannter, und promt erwachte auch wieder unsere Reiselust. Wir begannen mit der Planung unserer gemeinsamen Elternzeit, die wir auf jeden Fall reisend verbringen wollten. Wann sonst hat man als Normalsterblicher schon die Möglichkeit, zwei Monate am Stück durch die Weltgeschichte zu gondeln?

Welche Reiseart passt zu uns als Familie?

Nun standen wir vor der Frage aller Fragen: Wie verreist man mit Baby? Vor Lotta waren Roadtrips und Aktivurlaube unsere bevorzugten Reisearten, denn Flexibilität, Mobilität und Aktivität waren uns sehr wichtig. Was heißt ‚waren‘? Sind uns wichtig. Da ich mit Baby aber keine Lust mehr auf Zeltübernachtungen hatte, entschieden wir uns für ein kleines Upgrade: Wir tauschten unser Zelt gegen einen Campervan ein. Ein lang gehegter Traum ging in Erfüllung!

Campervan Ford Nugget

Unser Ford Nugget „DO-RM“ im Einsatz in Nordspanien.

Der Camper vereint unseren persönlichen Wunsch nach Mobilität und Flexibilität mit den Bedürfnissen eines Babys nach Stabilität. Neben uns Eltern als wichtigstem stabilen Faktor hatte Lotta eine immer gleiche Schlaf- und Wohnumgebung, während außerhalb des Campers ständig neue Abenteuer auf uns drei warteten. Die perfekte Mischung!
Ein paar Nachteile hat der Nugget natürlich schon, allen voran das eingeschränkte Platzangebot. Wenn wir uns und unser Equipment im Camper hin- und hergeschoben haben, dann grenzte das manchmal schon an ein fortgeschrittenes Tetris-Level. Nach einiger Zeit haben wir uns aber an die Tücken des kleinen Nuggets gewöhnt und Routinen entwickelt, mit denen wir seitdem gut durch den Camping-Alltag kommen. Ein größerer Camper hätte uns als Familie vielleicht mehr Wohnkomfort geboten, allerdings hätte der andere Probleme mit sich gebracht (Stadtverkehr, Passstraßen, Parken, höhere Fähr-/Maut- und Platzgebühren…). Da muss man halt Prioritäten setzen.

Unsere Reisen mit Baby im Überblick

Reise 1: Camper-Test in der Nordeifel
Dauer: 4 Tage, Reisealter: 6 Monate
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Als völlige Camper-Neulinge wollten wir unser neues Gefährt vor der geplanten großen Tour natürlich testen. Als Ziel suchten wir uns die Nordeifel aus, die uns eine wunderschöne Natur zum Wandern (Eifelsteig, Hohes Venn) und hübsche Städtchen zum Bummeln (Monschau) bot.
Die wichtigste Erkenntnis des verlängerten Wochenendes war wohl, dass das Campen an sich mit Lotta überhaupt kein Problem darstellte. Lotta schlief mit mir gemeinsam im Hochbett, so dass ich sie nachts ohne großen Buhai stillen konnte. Ihr Schlaf-/Still-Rhythmus war genauso wie zu Hause auch. Und durch das Sicherheitsnetz bestand keinerlei Gefahr, dass Lotta nachts aus dem Hochbett kugeln könnte. Top!
Auch tagsüber war die Kleine gut gelaunt und machte sämtliches Programm mit, sofern wir ihre üblichen Schlaf-, Essens- und Bewegungszeiten eingehalten haben. Da ich für mein Leben gerne wandere, war ich froh, dass auch das mit Lotta kein Problem war. Sie saß gemütlich in ihrer Babytrage, hat sich aus der sicheren Deckung heraus die Umgebung angeschaut oder zufrieden geschlafen. Für uns haben sich Strecken mit reinen Wanderzeiten von bis zu 3 Stunden bewährt. Mit Fütter-, Wickel- und Bewegungspausen sind daraus nämlich schnell 4 – 5 Stunden Gesamtzeit geworden.

Reise 2: Ostwestfalen-Lippe
Dauer: 2 Tage, Reisealter: 7,5 Monate
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Bei diesem Mini-Trip haben wir hauptsächlich unser neues Reise- und Camping-Equipment einem Live-Test unterzogen. Fazit: Alles bestanden.
Bei einer Generalprobe müssen naturgemäß aber auch Dinge schief gehen, und das sind sie: Mal war Lottas Laune im Keller, mal spielte das Wetter nicht ordentlich mit, und ein anderes Mal haben wir eine volle Breischüssel quer durch den Camper katapultiert. Aber ganz ehrlich? Ich bin froh, dass wir schon vor unserer großen Tour mit kleineren und größeren Problemsituationen konfrontiert wurden, denn aus jeder einzelnen haben wir etwas gelernt. Und jede gemeisterte Stresssituation hat uns Mut und Zuversicht verliehen, dass wir auch auf unserer großen Tour für jedes Problem eine geeignete Lösung finden würden.

Reise 3: Elternzeit in Frankreich und Nordspanien
Dauer: 2 Monate; Reisealter: 9. + 10. Lebensmonat
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Wir hatten im Vorfeld lange überlegt, welches wohl der günstigste Zeitpunkt für unsere 2-monatige Elternzeit-Reise sei, schließlich musste die Elternzeit frühzeitig bei Jans Arbeitgeber beantragt werden. Die Monate Mai/Juni empfanden wir als beste Reisezeit (gutes Wetter, aber nicht zu heiß), hatten jedoch Sorge, dass Lotta mit fünf Monaten dann noch zu klein sein könnte für solch eine große Tour. Wir entschieden uns daher für die Monate August und September, wo wir gutes Wetter erwarteten und Lotta für groß genug hielten. Was soll ich sagen? Wir lagen ja so falsch! Rückwirkend betrachtet wären der 6. und 7. Lebensmonat, also Mai/Juni, phantastische Reisemonate mit Lotta gewesen. Aber wer weiß schon vorher, wie sich sein Kind entwickelt?

Lotta in Mundaka

Alles im Griff und im Blick: Lotta nahm höchst aktiv am Reisealltag teil.

Lotta hatte (und hat) einen enormen Bewegungsdrang, und ihre motorische Entwicklung ging rasant voran: Mit sieben Monaten ist sie gerobbt, zwei Wochen später bereits gekrabbelt und wieder zwei Wochen danach – pünktlich zum Tourstart – stand sie auf. Für unsere Reise bedeutete das Einiges an Umdenken.

  • Lotta blieb nicht mehr friedlich auf der Picknickdecke sitzen, so dass wir ständig einem türmenden Kind nachjagen durften.
  • Das Sitzen im Auto war ihr zu langweilig, also blieben uns nur ihre immer kürzer werdenden Vor- und Nachmittagsschläfchen zum Weiterfahren.
  • Auch die Babytrage fand Lotta mittlerweile uncool, so dass wir unsere Wanderpläne weitgehend über den Haufen werfen mussten.
  • Da Lotta sich am Fangnetz aufrichtete, konnten wir sie nicht mehr ruhigen Gewissens alleine oben im Hochbett lassen.

Überhaupt sind die Gefahren, die auf ein agiles Baby in einem Camper lauern, recht hoch: Überall gibt es Ecken und Kanten oder Absturzmöglichkeiten. Die Tour wurde für Jan und mich zu einer sportlichen Herausforderung. Wir mussten ständig aufmerksam und sprungbereit sein, was enorm anstrengend war.

Lotta im Café

Lotta hat in Cafés immer die Nachbartische angeflirtet.

Aber auch wenn die Reise weit anstrengender war, als wir uns das im Vorfeld ausgemalt hatten, so zählt sie dennoch zu den schönsten Erlebnissen unseres Lebens. Die gemeinsame Zeit auf Reisen habe ich als viel intensiver erlebt als jede Familienzeit hier zu Hause. Keine Erledigungen, keine ToDo-Listen, keine Anrufe, kein TV-Programm, kaum Internet: Nichts und niemand hat unsere gemeinsame Zeit als Familie gestört.

Erlebt haben wir natürlich auch eine Menge. Trotz Lottas Streik bei einigen Wanderungen und Sehenswürdigkeiten sind noch viele gemeinsame, Baby kompatible Unternehmungen „übrig geblieben“. Wir haben Städte besichtigt (Lyon, Bordeaux, Bilbao, Santander, Burgos, Girona…), waren am Strand, sind ein wenig gewandert bzw. viel spaziert, haben tolle Landschaften erlebt (Auvergne, Cevennen, Picos de Europa, Cap de Creus…), sind ins Mittelalter eingetaucht (Sarlat, Beynac, Santillana del Mar…), haben lokale Köstlichkeiten probiert, Freunde getroffen und reichlich Spielplätze getestet 😉

Fazit: Reisen mit Baby – ja oder nein?

Jaaaaa! Wenn die Eltern gerne reisen, gibt es aus meiner Sicht keinen Grund, diese Vorliebe wegen des Kindes aufzugeben. Ich jedenfalls möchte meiner Tochter später nicht vorwerfen, dass ich nur wegen ihr auf viele tolle Reisen verzichten musste. Natürlich verlaufen die Reisen mit Baby anders als die Reisen als Paar, aber für dieses „anders“ hat man sich doch schon bewusst entschieden, als man sich für ein Kind entschieden hat. Und wenn man den Alltag mit Baby meistert, dann ist auch das Reisen als Familie kein Problem: Die Veränderungen sind ziemlich ähnlich.

Die Elternzeit bietet sich zum Verreisen als Familie geradezu an. Ich höre und lese zwar immer mal wieder böse Stimmen, die Reisen während der Elternzeit als vom Staat subventionierte Vergnügungsfahrten betiteln, aber mal im Ernst! Bei der Elternzeit geht es darum, gemeinsame Zeit als Familie zu verbringen. Check. Vor allem die Väter sollen durch die Elternzeit die Gelegenheit bekommen, mehr am Leben und der Entwicklung ihres Babys teil zu haben. Check. Also alles richtig gemacht. Und wir würden es wieder so machen. Werden es wieder machen. Die ersten Planungen und Ideen für unsere nächste Elternzeit in 2017 – dann zu viert – laufen bereits.

Familienfoto in den Picos de Europa, Spanien

Familienfoto in den Picos de Europa, Spanien

Seid ihr auch schon mit Baby verreist? Was habt ihr Tolles mit eurem Nachwuchs unternommen? Erzählt mir eure Geschichten oder postet die Links dazu in den Kommentaren.

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