Estartit, Costa Brava, Spanien

Familienurlaub an der Costa Brava: Alle Jahre wieder Estartit…

Welcher Reisetyp bist du? Bist du ein Gewohnheitstier, das Jahr für Jahr in das gleiche Hotel fährt, wo man dich bereits mit Namen begrüßt? Oder bist du eher der Entdecker, der bestrebt ist, die weißen Flecken auf seiner Reisekarte möglichst vollständig auszuradieren?

Estartit: Same precedure as EVERY year, James!

Ich zähle mich eindeutig zur Entdecker-Kategorie. Das war allerdings nicht immer so. Notgedrungen, muss ich dazu sagen, denn als Kind bzw. Teenager hatte ich wenig Mitspracherecht bei der Urlaubsplanung. Damals haben wir unsere Familienferien immer an der spanischen Costa Brava verbracht, genauer gesagt in Estartit. Zwei bis drei Wochen, jedes Jahr. JEDES Jahr.
Langweilig? Nein, eigentlich nicht. Als Kind war ich durchaus zufrieden damit, Sandburgen zu bauen, im Meer schwimmen zu gehen und jeden Tag Eis essen zu dürfen. Vor allem aber kannte ich es gar nicht anders. Und was ich nicht kannte, konnte ich nicht vermissen. Urlaub war für mich gleichbedeutend mit Estartit, Estartit war mein persönliches Synonym für Urlaub.

Und heute? Heute reise ich. Ich erlebe, ich entdecke, ich erforsche, ich unternehme, ich wandere, ich blicke aus, ich genieße, ich lebe. Dabei erhole mich zwar weniger (zumindest in physischer Hinsicht), bin aber hundert Mal zufriedener und glücklicher.

Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist. Jean Paul

Jean Paul: Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist.
[Motiv: Strand von Estartit]

Wenn aus Urlaubsbekanntschaften Freundschaften werden

Trotzdem möchte ich die damaligen Estartit-Urlaube nicht missen, denn an Estartit hängen nicht nur viele schöne Erinnerungen, sondern auch echte Freundschaften. Freundschaften, die bis heute überdauert haben.
Meine beste und „älteste“ Urlaubsfreundin ist Alexia aus Barcelona, die ich als Zehnjährige kennen gelernt habe. Damals konnten wir beide noch kein Englisch, aber Kinder sind ja zum Glück flexibel und erfinderisch. Wir „unterhielten“ uns per Zeichensprache oder malten einfach auf, was wir sagen wollten. Auf diese Weise brachten wir uns gegenseitig auch gleich noch die (für uns) wichtigsten Worte in unseren Landessprachen bei. Am Ende des Urlaubs tauschten wir unsere Adressen aus, und sobald wir unsere ersten Brocken Englisch gelernt hatten, begannen wir, uns zu schreiben. Für die heutige Jugend: Wir haben uns richtige Briefe geschrieben, mit Füller auf buntem Motivbriefpapier, völlig oldschool eben 😉

In den folgenden Sommern trafen wir uns immer wieder in Estartit, und neben Alexia lernte ich noch Gisela, Meritxell, Marta, Carles, David, Aurélie, Cyril, Cecil, Edwin, Dennis und einige andere kennen. Wir waren eine international gemischte Sommerurlaubsclique mit Amtssprache englisch. Wir hingen gemeinsam am Strand oder Pool ab, spielten UNO (das trotz spanischen Namens bei den Spaniern nicht bekannt war!), saßen abends beim Lagerfeuer am Strand oder zogen durch die Pubs und Discos. Auch kleine Urlaubsflirts durften natürlich nicht fehlen. Hach, ich erinnere mich echt gerne an diese Ferien! Herzzerreißend war übrigens immer der Abschied: Wenn einer aus der Clique nach Hause fuhr, errichtete der Rest eine Sitzblockade auf der Straße. Mein Vater hat da regelmäßig die Krise bekommen 🙂

Fotos von "damals": Estartit-Clique 1991/1992

Fotos von „damals“: Estartit-Clique 1991/1992. Wer erkennt mich?

Als ich aus dem Alter raus war, mit meinen Eltern in den Urlaub zu fahren, ist der Kontakt zu den Leuten leider etwas eingeschlafen. Zum Glück begann dann das E-Mail-Zeitalter (ich sage nur: 56k-Modem *gähn*), und auch die Ära der Billigflieger trug entscheidend dazu bei, dass einige der damals in Estartit entstandenen Freundschaften und Kontakte bis heute überdauert haben. Mit Facebook und WhatsApp ist das Pflegen von Fernfreundschaften dann nochmals um ein Vielfaches leichter geworden (danke, Mark Zuckerberg & Co.!).

Freunde treffen in Montmeló & Barcelona

Warum erzähle ich euch das alles? Na ja, wir konnten ja schlecht durch Spanien cruisen, ohne dort meine Freunde zu besuchen. Also sind wir von der spanischen Nordküste quer durchs Land bis hinüber an die Ostküste gehechtet. Okay, ein kleiner Hintergedanke war natürlich auch, dass wir dort noch etwas Sonne tanken konnten, nachdem es im Norden ja doch schon etwas kühler geworden war.

Unser erstes Ziel war Montmeló, ein kleines Städtchen etwa 20 km nördlich von Barcelona (Formel 1-Freunde haben den Namen bestimmt schon mal gehört). Wir durften vier Tage lang im Sommerhäuschen von Luis und Luisa residieren. Nach sechs Wochen auf engstem Raum im Camper freuten wir uns über das richtige, große, bequeme Bett, das eigene, saubere Badezimmer und den vielen Platz in der Wohnung. Das i-Tüpfelchen war der eigene Pool – Luxus pur!

Luis Familie in Montmeló

Bei Luis Familie haben wir uns wie zu Hause gefühlt. Gracias por el tiempo maravilloso!

Nach all dem Sightseeing tat es uns mal gut, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Wir haben gequatscht, sind spaziert, haben geshoppt und reichlich gegessen – was man halt so macht mit Freunden.

Shopping in Granollers

Shopping in Granollers: Früh übt sich.

Das Unterhalten war aus sprachlicher Sicht auf Dauer etwas anstrengend. Unsere Gastgeber Luis und Luisa sprechen so gut wie kein Englisch, aber mein eingerostetes Spanisch, durchsetzt mit einigen Wörtern auf englisch oder französisch und untermalt mit wilder Gestikulation, reichten zum Glück für eine ordentliche Verständigung aus. Lediglich abends ging nichts mehr. Das Zuhören und Verstehen klappten so gerade noch, nur spanisch sprechen konnte ich nicht mehr. Mein Hirn knipste sich aus und spuckte keine spanischen Vokabeln mehr aus. Sendeschluss.

An einem Tag sind wir mit dem Zug nach Barcelona rein gefahren, um Gisela und Marta samt Nachwuchs zu treffen – Estartit-Clique, the next generation 🙂
Durch Barcelona sind wir – ohne großartiges Sightseeing – gemütlich durchgeschlendert, schließlich war ich schon viele Male dort. Was jedoch nicht fehlen durfte, war ein Besuch in meiner liebsten Tapas-Bar „El Xampanyet“ – mmmh! Der Laden ist zwar nicht gerade günstig, aber das Essen ist Weltklasse. Wenn ihr mal in Barcelona seid, müsst ihr dort unbedingt Tapas essen gehen!

Girona: Herrliche Altstadt und wildestes Wild-Camping

Unsere nächste Reisestation lautete Girona, wo meine erste Estartit-Freundin Alexia mittlerweile lebt. Ich möchte gar nicht übermäßig philosophisch werden, dennoch, das Treffen mit Alexia hat mir mal wieder gezeigt, dass Freundschaft sehr wohl Raum und Zeit überdauern kann. Ich finde es einfach herrlich, dass wir uns wie selbstverständlich (auch tiefgründig) unterhalten konnten, obwohl wir uns nur alle paar Jahre mal von Angesicht zu Angesicht sehen. Es herrscht einfach eine tiefe Vertrautheit zwischen uns.

Gruppenfoto vor Gironas Altstadtkulisse

Alexia und ich mit unseren Töchtern vor der Altstadtkulisse von Girona.

Und weil unser gemeinsamer Nachmittag im Nu verflogen war, haben wir unser Treffen spontan noch um den kompletten Abend verlängert. Bis in die Nacht hinein haben wir uns zu viert (also mit unseren Ehemännern) bei Pizza, Wein und Bier auf die Couch gefleetzt und gequatscht, während unsere Töchter nebenan schliefen. Ein absolut chilliger Abend unter Freunden – und ich muss dazu sagen, dass ich Alexias Mann bis zu diesem Abend gar nicht persönlich kannte.

Die sehr spontane Abendgestaltung brachte ein Problem mit sich: Wo sollten wir mitten in der Nacht noch eine geeignete Camping-Möglichkeit finden? Richtig, nirgendwo. Wir blieben also genau dort, wo wir waren, auf einem großen Parkplatz mitten im Zentrum von Girona. Nicht idyllisch, nicht mal erlaubt, aber nicht anders möglich. Skurril war die Nacht allemal. Während Jan den Camper umbaute, schob ich die schlafende Lotta noch eine Runde über den Parkplatz. Ständig wurde ich von verzweifelt Parkplatz suchenden Autofahrern angesprochen, ob wir vielleicht wegfahren würden. Nein, sorry. Mitten in der Nacht wurden wir von einem sich lauthals streitenden Pärchen jäh aus dem Schlaf gerissen. Sie bekräftigte ihre Wut damit, dass sie ständig auf unseren armen Camper einschlug. Was für eine Nacht!

Ausblick auf die Kirche Sant Feliu

Ausblick von der Kathedrale in Richtung der Kirche Sant Feliu

Nachdem wir mitten in der Stadt genächtigt hatten, nutzen wir die Gelegenheit, uns die schöne Altstadt von Girona noch etwas genauer anzuschauen. Wir schlenderten durch die engen Gassen, die mit ihren vielen Treppen für Lottas Buggy natürlich mal wieder eine Herausforderung waren, spazierten über die alte Stadtmauer und schauten uns die Kathedrale und andere historische Gemäuer an. Besonders schön ist die Aussicht von den Brücken über den Ríu Onyar auf die herrlichen, farbigen Häuserfronten entlang des Flusses.

Blick von der Brücke Pont de Pedra

Blick von der Brücke Pont de Pedra auf den Ríu Onyar mit seiner bunten Häuserkulisse


Allen Costa Brava Urlaubern kann ich den Abstecher nach Girona nur wärmstens ans Herz legen!

Estartit-Revival: Back to the past

Zum guten Schluss wollte ich unbedingt noch ein paar Strandtage in Estartit verbringen. Mein letzter Familienurlaub lag 16 Jahre zurück, ich musste einfach sehen, wie es heute dort aussieht.

Sonnenaufgang hinter den Medas Inseln

Sonnenaufgang beim morgendlichen Strandspaziergang – hach, das war herrlich!

Anders. Natürlich hatte sich nach 16 Jahren so Einiges verändert, leider nicht unbedingt zum Positiven. Schock Nummer eins: Der Strand von „unserem“ Ortsteil Els Griells war weg! Einfach vom Meer verschluckt. Gut, es blieb noch genügend Strand rechts und links davon übrig, aber auch diese Strände waren schmaler geworden und die Meeresbrandung dort stärker.
Die Einkaufsstraße ist leider auch nicht mehr das, was sie mal war. Die urigen Läden, in denen es viel Nippes und Landestypisches zu kaufen gab, sind größtenteils Ramschläden und zig Eisdielen und Smoothie-Bars gewichen.
Und dann hatten wir auch noch etwas Pech mit dem Campingplatz. Der Platz El Molino selbst ist eigentlich ganz ok, recht einfach, aber dafür direkt am Strand gelegen. Pech hatten wir eher mit den direkten Nachbarn, allesamt deutsche Nörgel-Rentner, die sich lautstark über Lotta aufregten. Die war zugegebenermaßen zwei Tage lang etwas quengelig, aber hey, sie ist ein Baby! Der Schlimmste von allen war ein Schweizer Herr, der doch tatsächlich aus seinem Wohnmobil heraus rauschte und zu uns herüber brüllte: „Jetzt ist aber gefälligst mal Ruhe da drüben!“ Was will man von einem Mann, der clichémäßig Socken in seinen Adiletten trug und Solarlampen und Porzellanfiguren in seinem „Vorgarten“ aufgestellt hatte, schon anderes erwarten.
Schlimmer als unsere Nachbarn waren nur unsere Untermieter. Über einen hohen Grashalm hat ein kompletter Ameisenstaat sich seinen Weg in unseren Camper gebahnt – bäh! Alles hat gekrabbelt, immer, überall. Selbst mit Seifenlaugen-Putzorgien kamen wir nicht vollständig gegen die Viecher an, die auch Tage und Wochen später immer wieder aus irgendwelchen Ritzen gekrabbelt kamen. Ich hoffe, dass unsere letzten Untermieter dem deutschen Winter zum Opfer fallen werden.

Mein Fazit meines kleinen Revivals:
Das heutige Estartit kann mit meinen (wahrscheinlich auch idealisierten) Kindheitserinnerungen keinesfalls konkurrieren. Trotzdem bin ich froh, nach all den Jahren nochmals dort gewesen zu sein – allein der schönen Erinnerungen wegen, die vor Ort nochmal so richtig lebendig wurden. Und abgesehen vom Ort selbst ist die Landschaft dort wirklich schön: Die Inselgruppe Illes Medes mit ihrer traumhaften Unterwasserwelt, der Hausberg Roca Maura, die angrenzende Steilküste mit ihren vielfältigen Wandermöglichkeiten, das Castell Montgrí etc.

Blick ins Inland zum Castell Montgri

Blick ins Inland zum Castell Montgrí, das wie eh und je auf dem „grauen Berg“ hoch oben über Toroella trotzt.

Letztlich hat die Costa Brava aber noch so viele andere, sogar viel schönere Orte zu bieten. Orte, mit denen mich nichts verbindet, Orte, an denen ich frei und unvorbelastet Urlaub machen kann. Vielleicht (oder sogar wahrscheinlich) werde ich Estartit trotzdem irgendwann wieder besuchen, vielleicht wenn Lotta älter ist und ich ihr die Geschichten von damals erzählen möchte (wenn sie die überhaupt hören will). Bis dahin aber sage ich: Adiós, Estartit. Qué te vaya bien!

Medas Inseln, Estartit

Seitlicher Blick auf die Medas Inseln

Habt ihr auch ein Reiseziel, an dem viele eurer Kindheitserinnerungen hängen? Oder gute Freunde, die ihr in einem Urlaub kennen gelernt habt? Erzählt doch mal!

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