Heiliges Kamel in Kairouan

Reisebegegnungen in Tunesien: Flüchtige Treffen für die Ewigkeit

„Fragt man Backpacker und Individualreisende nach dem, was Reisen für sie besonders macht, antworten sie oft, dass es die Begegnungen sind. Die Gespräche mit Einheimischen, das Zusammensitzen mit Reisegefährten, die Erweiterung des persönlichen Horizonts, kurze Momente der Verbundenheit, ob geteiltes Glück oder geteilte Angst. Und doch – auf unseren Blogs stellen wir Sehenswürdigkeiten vor und schreiben von unseren Gedanken und Gefühlen. Die Reisebegegnungen, die uns doch so prägen und noch Jahre später ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, sind uns oft höchstens einen kurzen Absatz wert.“, schreibt Ariane von heldenwetter. Wie Recht sie damit hat! Leider…

Blogparade „Reisebegegnungen“

Wenn ich meiner Familie und meinen Freunden von unseren Reisen erzähle, haben meine Reisebegegnungen einen ganz anderen Stellenwert als sie in meinem Blog einnehmen. Ganz selbstverständlich erzähle ich von witzigen, skurrilen und außergewöhnlichen Reisebekanntschaften, und meine Zuhörer finden diese Reiseanekdoten oft spannender als die bloße Berichterstattung zu den abgeklapperten Sehenswürdigkeiten.
Von daher folge ich hiermit Arianes Aufruf zur Blogparade (echt eine tolle Idee, Ariane!!) und erzähle euch von den Reisebegegnungen, die mir am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben sind – und zwar regelmäßig (hoffe ich, ich gebe mir jedenfalls Mühe). Hierfür habe ich eine eigene Rubrik unter „Rund ums Reisen“ hier im Blog eingerichtet. Den Auftakt bilden meine Erlebnisse während unseres Tunesien-Urlaubs, aber auch aus Norwegen und Ecuador habe ich noch ungewöhnliche und amüsante Reisebegegnungen mit den Einheimischen und anderen Touristen auf Lager. Mehr folgt also bald. Jetzt aber erst mal viel Spaß mit meinen Geschichten aus Tunesien.

Tunesien: Pauschal gebucht, individuell erlebt

In 2012 sind wir pauschal nach Tunesien gereist. Eine Woche all-in. Machen wir normalerweise nicht, aber irgendwie war uns nach Sonne und weg und alles möglichst einfach und ohne großen Vorlauf. Im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, dass ich auf solch einer Pauschalreise die wohl interessantesten Reisebegegnungen meines Lebens erfahren würde. Und damit meine ich nicht die beiden Russen im Hotel, die mit ihren gerade erworbenen Cocktails dreist hinter die Theke stiefelten, um diese nochmals mit mehr Vodka nachzubessern. Oder die beiden englischen Teenager, vorne weiß wie Kalkleisten und hinten rosa wie Paulchen Panther, die den tunesischen Hotelfotografen angeflirtet, ja fast schon gestalkt haben. Oder die dreiköpfige Familie aus Sachsen, die glaubte, dass alle Hotels mit dem Schild „all inclusive“ (stellt euch das deutsch ausgesprochen vor!) zu einer Kette diesen Namens gehören. Nein, mit solchen Menschen hatte ich auf einer Pauschalreise gerechnet.

Um vor diesen Cliché-Pauschalis zu fliehen und weil wir ein Land eben lieber selbständig entdecken, haben wir von unserer Basis Mahdia aus unsere Ausflüge auf eigene Faust unternommen. Um von A nach B zu gelangen, haben wir das in Tunesien typische Transportmittel der Louages genutzt. Louages sind Kleinbusse, die zwischen den Städten pendeln, ohne dabei einem festen Zeitplan zu folgen. Der Bus fährt los, sobald er voll besetzt ist. Einfach, praktisch, funktioniert.

Als wir an der Station de Louages in Mahdia ankamen, fühlte ich mich neugierig beäugt. Das Transportmittel wird in der Hauptsache von den Einheimischen genutzt, andere Touristen haben wir auf keiner Tour und an keiner Busstation gesichtet. Kein Wunder also, dass wir „Exoten“ auf unseren Ausflügen rege mit den Einheimischen ins Gespräch kamen. Immer wieder wurden wir gefragt, wo wir herkommen und wie uns Tunesien gefällt. Uns wurden Granatäpfel und irre süßes Gebäck zum Probieren angeboten, stets mit erwartungsvollen Blicken und der gespannten Frage, ob wir es mögen. Überall boten sich uns Menschen als Guides an oder gaben uns Tipps, was wir uns anschauen sollten. Unser „Bakshish“, das ist persisch für Gabe oder Trinkgeld, wurde übrigens meistens zurückgewiesen. Nur ein einziges Mal sind wir am Ende bei dem clichéhaften Teppichverkäufer gelandet.

Unser Guide in Kairouan.

Unser „Guide“ in der heiligen Stadt Kairouan hat uns von einem Nachbarhaus den Blick von oben auf die große Moschee ermöglicht.

Gesellschaftspolitische Gespräche auf einer Louage-Fahrt

Auf der Rückfahrt von Kairouan nach Sousse saß ich im Bus neben einer jungen Tunesierin. Wir Frauen „durften“ vorne sitzen – leider, denn die Fahrweise in Tunesien erinnerte mich manchmal an Szenen einer Wüstenrallye. Obwohl meine Sitznachbarin es gewohnt sein musste, krallte auch sie sich manchmal nervös ins Sitzpolster. Und so kamen wir ins Gespräch.
Neyla ist Lehrerin, die zwischen ihrer Schule in Kairouan und ihrem Wohnort Sousse pendelt. Weil mein Französisch gerade ähnlich ruckelig wie die Busfahrt war, fragte mich Neyla, ob ich auch englisch spräche. Klar doch. Wo ich herkomme, wollte sie wissen. Als ich mich als Deutsche outete, war sie hochgradig überrascht. Deutsche sprächen normalerweise doch keine Fremdsprachen, war ihre feste und ehrliche Überzeugung. Ich erklärte ihr, dass alle Deutschen in der Schule englisch lernen und dass viele noch mindestens eine weitere Fremdsprache wie Französisch, Spanisch oder Italienisch lernen. Sie war sichtlich baff. Leider setzen viele Deutsche, vor allem die Pauschaltouris in den großen Hotelbunkern, ihre Sprachkenntnisse nicht ein, schob ich also teils erklärend, teils entschuldigend hinterher. Au Backe, das ist ja ein erschreckendes Bild, das die Tunesier von uns Deutschen haben. Auch in Tunesien hätte das Bildungsniveau in den letzten Jahren gelitten, verriet mir Neyla. Als Lehrerin schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen, dass viele tunesische Kinder nicht mal ihre Namen korrekt auf Arabisch schreiben könnten.

Beim Vergleich unserer Heimatländer beneidete Neyla uns Deutsche um unsere gute Organisation und um unsere Sauberkeit. Das wiederum habe ich schon so oft über Deutschland gehört, selbst im Süden Europas bewundert man uns man schon dafür. Irgendwie stimmt das ja auch, Sauberkeit und Ordnung, das können wir Deutschen. Wobei ich mich trotzdem dauernd darüber ärgere, dass so viele Leute ihre Kippen und sonstigen Müll einfach in die Gegend schmeißen. Ebenso bekomme ich eine Krise nach der nächsten mit unserer deutschen Bürokratie, die nun wirklich nichts mit guter Organisation zu tun hat. Aber Neyla hatte schon recht, im Vergleich mit Tunesien mit seinen allgegenwärtigen Müllbergen und den politischen Unruhen schneiden wir Deutschen in diesen Punkten recht gut ab.

Die Fahrt verging wie im Flug, und ich war glatt etwas traurig, mich in Sousse von Neyla verabschieden zu müssen. Sie half uns noch, an der sehr trubeligen Station de Louages den richtigen Anschluss nach Mahdia zu finden. Dann wünschte ich ihr alles Gute für das Baby, das Neyla bald bekommen würde. Ihr erstes, obwohl sie auch schon Ende 20 war. Nicht nur in Deutschland, auch in Tunesien hat sich das Alter der Erstgebärenden in den letzten Jahren nach hinten verschoben. Während dieser Fahrt habe ich wirklich sehr Vieles über Tunesien gelernt. Gerade im ehrlichen und offenen Gespräch mit Einheimischen bekommt man doch immer wieder die besten Einblicke.

Zwei Taubstumme unterhalten einen Kleinbus in Tunesien

Eine herrlich amüsante Louage-Fahrt erlebten wir auf dem Rückweg von El Djem, wo wir das drittgrößte Amphietheater des Römischen Reiches besichtigt hatten. Wir saßen hinten im Bus, waren k.o. von der Hitze und noch geflasht von dem grandiosen römischen Bauwerk, als zwei taubstumme Männer zustiegen. Auf einmal war Stimmung im Bus, so etwas habe ich noch nie erlebt. Die beiden Männer, taubstumm wohl bemerkt, unterhielten sich mit JEDEM im Bus. Und sie wurden von jedem verstanden. Ihre Gestik und Mimik war unübertrefflich, sehr ausladend und natürlich international. Als der Busfahrer zum Beispiel von einem zugestiegenen Fahrgast kassieren wollte, bei voller Fahrt versteht sich, tippte ihn einer der beiden Taubstummen an, zeigte auf die Augen des Fahrers und anschließend auf die Straße. Dann simulierte er mit seinen Händen zwei sich entgegenkommende Fahrzeuge, die er mit lautem Sound zusammencrashen ließ. Die Warnung an den Fahrer war wohl eindeutig.

Nach einer Weile entdeckten die beiden uns Touris, und wir rückten ins Zentrum ihres Interesses. Ich kann mich zwar nicht mehr genau erinnern, welche Gesten sie nutzen, aber auch sie fragten uns, woher wir kommen. Sie fragten, ob wir in einem Hotel wohnen, ob wir Urlaub machen, schwimmen gehen, und natürlich ob uns Tunesien gefällt. Und wir antworteten mit Zeichensprache, so gut wir konnten. Es ist überraschend, wie gut die non-verbale Verständigung doch klappt, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Eine tolle Erfahrung! Als wir ausstiegen, wünschten die beiden uns noch einen schönen Urlaub. Ich war beeindruckt von der Lebensfreude, der Offenheit und der Kontaktfreudigkeit dieser beiden taubstummen Männer. Davon kann sich jeder von uns noch eine dicke Scheibe abschneiden!

Wie gefallen euch meine Anekdoten? Ich hoffe, ihr habt Spaß an dieser neuen (von Ariane inspirierten) Rubrik. Habt ihr selbst spannende Begegnungen in Tunesien erlebt? Dann erzählt sie mir in den Kommentaren!

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