Kjerag

Kjeragbolten: Eingeklemmter Felsbrocken 1.000 m über dem Fjord

Nach der eher leichten Wanderung zum Preikestolen stellten wir uns der nächst höheren Herausforderung am Lysefjord, dem Kjerag. Die Hauptattraktion dieses Felsplateaus ist der Kjeragbolten, ein 5 m³ großer Monolith, der in einer Felsspalte ganze 1.000 m über dem Lysefjord eingeklemmt ist. Die Natur schafft schon spektakuläre Kunstwerke!

Mit der Fähre über den Lysefjord

Mit der Fähre setzten wir von Forsand über nach Lysebotn. Da die Kapazitäten auf der kleinen Autofähre begrenzt sind, hatten wir zwei Tage zuvor in der Touristeninfo in Stavanger eine Reservierung vorgenommen. Gute Idee, denn einige Kurzentschlossene bekamen keinen Platz mehr und mussten wohl oder übel den gut 3-stündigen Landweg über den RV45 und den Lysevegen in Kauf nehmen. Wir hingegen genossen die etwa einstündige Überfahrt über den wunderschönen, von steilen Felswänden eingerahmten Lysefjord.

Lysefjordbru

Die Lysefjordbru, eine 640m lange Hängebrücke, bildet den Eingang zum Lysefjord.


Lysebotn: Mini-Ort am Ende des Lysefjords

Auf dem Campingplatz in Lysebotn schlugen wir unser Lager auf. Geplant waren zwei Nächte, aber u.a. wegen der seeehr spartanischen Sanitärs blieben wir doch nur eine Nacht. Abgesehen davon ist der Campingplatz allerdings herrlichst gelegen: Direkt am Fjord, eingerahmt von schroffen Felswänden, die grüne Wiese ließ uns im Zelt bequem schlafen, und abends boten uns die vielen, dort einquartierten Basejumper eine nette Show, Wasser- und Baumlandungen inklusive (die Jungs und Mädels sind aber allesamt heile unten angekommen).

Basejumper kreisen in der Abendsonne über Lysebotn

Basejumper kreisen in der Abendsonne über Lysebotn


Øygardstølen: Auf zum Adlernest!

Am nächsten Morgen packten wir unsere sieben Sachen und fuhren die Serpentinenstraße hinauf zum Øygardstølen (dt. Adlernest). Unser Corsa war ordentlich am ächzen auf den 640 Höhenmetern, Jan war vollauf konzentriert auf die 27 Haarnadelkurven, und ich als Beifahrerin konnte währenddessen die gigantischen Ausblicke ins Tal bewundern. Faire Arbeitsteilung. Die frei zugängliche Aussichtsplattform des Øygardstølen entschädigte schließlich auch Jan ein wenig für die verpassten Aussichten bei der Auffahrt.

Ausblick vom Adlernest

640 m unter dem „Adlernest“ schimmert türkis der Lysefjord, an dessen Ende Lysebotn liegt.

Wir parkten unser Auto auf dem kostenpflichtigen Parkplatz am Adlernest (100 NOK) und machten uns kurz mit dem Strecken- und Höhenprofil vertraut, das freundlicherweise auf einer Übersichtstafel am Parkplatz angeschlagen war. Etwa 12 km Strecke, knappe 400 Höhenmeter und etwa 5 Stunden Wanderzeit lagen vor uns. Nach dem Super-Sonnentag gestern pfiff uns heute ein frischer Wind um die Ohren, der einige sehr tief hängende Wolken durch das Tal trieb. Nicht besonders verheißungsvoll, trotzdem stiefelten wir los.

3 Anstiege bis zum Kjerag-Plateau

Gleich die ersten Meter waren mit ordentlicher Kraxelei über teils glatten Fels verbunden. Eisenketten halfen uns beim Aufstieg.

Eisenketten beim Aufstieg zum Kjerag

An einigen Stellen waren die Eisenketten wirklich hilfreich – vor allem auf nassem Fels.

Kaum hatten wir die erste Kuppe erklommen, waren wir von Wolken eingehüllt, aus denen es uns leise und stetig nass rieselte. Bäh. Wir durchquerten quasi blind das Litle Stordalen, stiegen über die nächste Kuppe ins Stordalen und kraxelten anschließend nochmals steil hinauf auf das Kjerag-Plateau.


Normalerweise kann man ab hier gemütlich das Plateau entlang laufen und immer wieder tolle Ausblicke auf den Lysefjord genießen. Heute nicht. Wir bahnten uns unseren Weg durch eine dichte Nebelbrühe, immer auf der Suche nach der nächsten roten „T“-Markierung, die uns bei unserem Blindflug auf Kurs halten sollten. Irgendwie hatte die Pirsch durch die nebelige Wattewelt durchaus etwas Mystisches an sich.

Kjerag-Plateau im Nebel

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Kjerag-Plateau im Nebel.

Kjeragbolten: Das Ziel (nicht) in Sicht

Irgendwann begann ein leichter Abstieg, der laut Wanderplan die Zielgerade einläuten sollte. Über nasses Blockgestein, durch Riesenpfützen (oder Minibäche) und über Altschneefetzen durchkraxelten wir eine Art breite Felsspalte, …

Kurz vor dem Kjeragbolten

Die „Zielgerade“ vor dem Kjeragbolten.


…, deren Ausgang den Blick auf den Kjeragbolten freigab. Na ja, frei ist relativ.

Kjeragbolten im Nebel

Der 5 m³ große Kjeragbolten klemmt in einer Felsspalte 1.000 m über dem Lysefjord.


Eigentlich hätte man hinter dem Kjeragbolten den türkisblauen Lysefjord sehen sollen, ein Postkartenmotiv sondergleichen. Eigentlich. Vorsichtig erkundeten wir das Plateau neben dem Kjeragbolten. Ich hörte einen Wasserfall rauschen, wahrscheinlich den 715 m hohen Kjeragfossen. In der vagen Hoffnung, nach unten hin irgendetwas sehen zu können, pirschte ich mich an die Kante des Plateaus heran. Omg! Wenn Höhe sonst für mich kein Problem darstellt, so tat sie es jetzt, wo ich sie überhaupt nicht sehen konnte. Der Gedanke, in eine schier unendlich erscheinende Nebelbrühe hinein zu stürzen, war äußerst beklemmend. Flott wischte ich dieses Bild an die Seite, schließlich wollte ich ja wenigstens noch das obligatorische „ich war hier“-Beweisfoto von mir auf dem Kjeragbolten haben (wenn schon nicht das ultimative Postkartenmotiv mit dem Lysefjord im Hintergrund).

Der Nebel und ich auf dem Kjeragbolten

Noch für keine anderen Fotos habe ich so viel Mut gebraucht wie für diese hier:

Nicole auf dem Kjerag

Thumbs up! Mehr aber nicht, aufzustehen habe ich mich nicht getraut.



Um auf den Kjeragbolten zu gelangen, muss man sich leicht um einen Felsvorsprung schwingen und dann einen Spalt überwinden. Ein einfacher Nagel in der Felswand dient als Griffhilfe, an der man sich herum schwingen kann. Was tun? Rüber springen? Immerhin waren unter mir 1.000 m Nichts, nett verpackt in watteartigem Nebel. Angesichts des nassen Felsens traute ich mich nicht, zu springen. Mit den Füßen voran hangelte ich mich stattdessen vorsichtig hinüber zum Kjeragbolten, wo ich mich kniend ablichten ließ. Aufstehen? No way! Nicht bei diesen Witterungsbedingungen. Ob ich es bei Sonnenschein und trockenem Fels gewagt hätte, sei mal dahingestellt… Hoffentlich werde ich diese Frage irgendwann mal beantworten können.

Rückweg zum Adlernest

Nachdem meine allerletzte Resthoffnung, der Nebelvorhang könne sich wie bei unserer Besseggen-Wanderung doch noch lichten, verflogen war, machten wir uns auf den Rückweg. Während sich der Nebel oben auf dem Plateau hartnäckig hielt, waren mittlerweile die Täler weitestgehend nebelfrei. Immerhin eröffneten sich uns dadurch ein paar neue und recht schöne Ausblicke, bevor wir mit dem „Adlernest“ unseren Ausgangspunkt wieder erreichten.

Hätte, wenn und aber…

Zuallererst: Die Wanderung hat trotz der miesen nicht vorhandenen Aussicht Spaß gemacht! Natürlich bin ich trotzdem enttäuscht, dass wir die tollen Ausblicke und das ultimative Kjerag-Erlebnis verpasst haben. Ich ärgere mich im Nachhinein ein wenig, dass wir den sonnigen Vortag am Lysebotn Camping „verplempert“ haben, statt da schon die Wanderung zum Kjerag zu unternehmen. Dumm gelaufen. Passiert. Kann man nicht ändern. Ärgern bringt auch nichts. Genug der blöden, aber eben auch wahren Phrasen 😉

Hinweise zur Wanderung
Diese Wanderung stufe ich als „mittel“ ein: 12 km Strecke, moderate 400 Höhenmeter, abschnittsweise mit Eisenketten gesichert, ca. 5 Stunden Wanderzeit für Hin- und Rückweg. Einsam ist auch diese beliebte Wanderstrecke nicht, aber durch den höheren Schwierigkeitsgrad und die schlechtere Erreichbarkeit ist sie längst nicht so stark frequentiert wie die Preikestolen-Wanderung. Wer sich für mehr Infos und auch (Sonnen-)Fotos zur Wanderung interessiert, sollte einen Blick auf die Norwegen-Infoseite von Christoph werfen.

Nun seid ihr dran! Habt ihr Neid-Berichte und/oder -Fotos von der Kjerag-Wanderung für mich? Oder habt ihr sogar noch weniger gesehen als ich?

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