Vesterålen-Insel Langøya

Vesterålen: Naturschönheit im Schatten der Lofoten

Eigentlich wollten wir die Vesterålen links bzw. rechts liegen lassen und nur die Lofoten besuchen. Gut, dass wir unsere Planung noch geändert haben! Die Vesterålen haben mich im Nu verzaubert: Goldene Wiesen und Felder, glitzernde Seen, rote Holzhütten, weiß gepuderte Berggipfel am Horizont und eine von Schären gesäumte Küste mit südseeartigen Sandstränden. Herrlich!

God morgen, Vesterålen!

Sonnenstrahlen lukten durch die Vorhänge, als der Wecker klingelte. Ich schob selbige beiseite und war überwältigt. Wann wacht man schon mit Blick auf einen Fjord und ein verschneites Bergpanorama auf? Sonst ein bekennender Morgenmuffel war ich heute sofort wach, sprang aus den Federn und zückte die Kamera.

Morgendlicher Ausblick, Bogen Hostel.

Morgendlicher Ausblick aus unserem Fenster im Bogen Hostel.

Nach dem Frühstück machten wir uns zu dem knapp 200 km entfernten Örtchen Ringstad in der Gemeinde auf. Etwa drei Stunden sollte die reine Fahrtzeit betragen, aber durch die vielen tollen Fotomotive, die sich entlang der Strecke aufreihten, brauchten wir mehr als doppelt so lange.

Sortlandsbrua

Sortlandsbura. Die Hauptinseln der Vesterålen und Lofoten sind mittels Brücken verbunden.

Wir folgten zunächst der E10 und gelangten über die Tjeldsund-Brücke auf die Insel Hinnøya. Die Europastraße schlängelte sich die Küstenlinie entlang, bis wir auf die Rv85 ins Inselinnere abbogen. Nach einem steilen Anstieg tat sich der See Nedre Kåringsvatnet vor uns auf. Wir befanden uns zwar nur 120 m über dem Meeresspiegel, dennoch steckten wir urplötzlich mitten in einer Eislandschaft: Der See lag gefroren im Schatten der umliegenden Berge, die Uferböschung und Berge waren in Schnee gehüllt. Leider gab es weit und breit keine Haltebucht, und ehe ich mich versah, fuhren wir auch schon wieder auf der anderen Seite hinab Richtung Fjord. Über die 948 m lange Sortlandsbrua gelangten wir schließlich auf die Insel Langøya, in dessen größter Stadt Sortland wir eine kleine Mittagspause einlegten. Frisch gestärkt folgten wir der Rv820 bis nach Ringstad.

Drei Jahreszeiten zum sofort Genießen, bitte!

Selten habe ich eine solche landschaftliche Abwechslung erlebt, so viel Harmonie und so viele Kontraste gleichermaßen. In dem Gebiet um Sortland fielen mir große Ackerflächen auf: Die Wintersonne ließ die Stoppelfelder in einem herbstlichem Gold schimmern. Das Gebiet ist das einzige auf Langøya, in dem Landwirtschaft in größerem Stil betrieben wird.

Goldene Felder nahe Sortland

Gemeinde Sortland: Die Felder schimmern golden in der Wintersonne.


Immer wieder taten sich rechts oder links entlang des Weges Seen oder Fjorde auf, letztere gruben sich während der Eiszeit tief in das Inselinnere hinein und gaben ihr ihre wilde und zerklüftete Form. Manchmal säumten Eisschollen den Uferbereich und erinnerten daran, dass trotz des frühlingshaften Wetters eigentlich noch Winter war. Inmitten der sonstigen Ruhe hörte ich einzig und allein das Knacken und Knistern des Eises – eine phantastische Atmosphäre!

Eisschollen auf dem Malnesfjord

Eisschollen auf dem Malnesfjord, Langøya

Die winterlichen Vesterålen präsentierten sich vorwiegend in hellen Farben und zarten Pastelltönen. Farbtupfer bildeten die roten Holzhütten, die einsam und verlassen entlang der Fjorde stehen, fast so, als hätte jemand sie zur Dekoration über die Inseln verstreut. Früher haben in den Rorbuer saisonal die Fischer gewohnt, abgeschieden von den Zentren, dafür nah an den Fischgründen, ihren Arbeitsplätzen, die sie damals nur mit Ruderbooten erreichten. Mit der zunehmenden Motorisierung verloren die Fischerhütten an Bedeutung, weshalb sie heute still und leise vor sich hin wittern und nur noch nostalgisch an vergangene Zeiten erinnern. Die Holzhütten, die mit der damals billigen roten Tranfarbe gegen Witterungseinflüsse geschützt wurden, geben wunderbare Fotomotive mit Sehnsuchtscharakter ab – ich hätte stundenlang Rorbuer fotografieren können.

Alte Fischerhütte

Insel Hinnøya: Alte Fischerhütte im Winterschlaf.

Ringstad: Nordlandidylle pur!

Gegen Abend erreichten wir Ringstad. Das kleine Örtchen liegt am 25 km langen Eidsfjord und ist von einem herrlichen Schärengarten umgeben. Am Horizont zeichnen sich die Berge Langøyas und Hadseløyas auf der gegenüber liegenden Seite des Eidsfjord ab. Ringstad beheimatet 21 Erwachsene und 12 Kinder. In dieser abgeschiedenen Nordlandidylle begrüßen Ann Karina Jakobsen und Ian Robins ihre Feriengäste im Huset på yttersiden, dem „Haus an der Außenseite“.

Huset på yttersiden

Gemütliche Ferienunterkunft „Huset på yttersiden“ in Ringstad

Wir bezogen unsere gemütliche Ferienwohnung, bevor Ann Karina uns zum Abendessen in das dazugehörige Restaurant einlud. Wir speisten ein Hühnchengericht mit Reis und zum Nachtisch Kokosmuffin mit Erdbeersauce. Lecker!
Ann Karina und Ian betreiben das Huset på yttersiden nunmehr seit 7 Jahren. Ann Karina stammt ursprünglich von der benachbarten Insel Senja, lebte aber 19 Jahre lang im nordrhein-westfälischen Essen, also quasi um die Ecke. Bei einem Camping-Urlaub in Xanten lernte sie den aus Cornwall stammenden Ian kennen, der viele Jahre lang als LKW-Fahrer im Ruhrgebiet unterwegs war. Beide waren sich einig, dass sie nicht auf Dauer in der Ruhrmetropole bleiben wollten: Ann Karina plagte das Heimweh, der Fotofan Ian vermisste die Natur im Allgemeinen. Im Internet stießen sie auf das Huset på yttersiden und griffen die Chance beim Schopf. Sie hatten das Haus zwar selbst gar nicht live gesehen, lediglich Ann Karinas Schwester aus Sortland hat die Unterkunft in Augenschein genommen und für perfekt befunden. Keine drei Monate später waren die beiden bereits in Ringstad.

Geselliger Treff am Lagerfeuer

Lagerfeuertreff in Ringstad

Ringstad: Lagerfeuertreff unter dem Nordlichthimmel

Am Abend nahm Ann Karina uns mit zu einem gemütlichen Beisammensein am Lagerfeuer. Wir folgten einem kleinen Pfad, der mit auf Pfählen stehenden Kerzen beleuchtet war, und erreichten nach ein paar Minuten einen Holzunterstand. In seiner Mitte brannte bereits ein Lagerfeuer, das wohlige Wärme verströmte. Rundherum hatten es sich die Dorfbewohner bei Bier, Wein und Grillwürstchen gemütlich gemacht.
Wer sich nun vorstellt, dass die Norweger mit ihrer vermeintlich zurückhaltenden Mentalität einfach nur schweigend ins Feuer starren, hat weit gefehlt. Man unterhielt sich rege und gestenreich, und vor allem wurde laut und viel gelacht.

Unterschiede zwischen Nord- und Südnorwegern

Dass die Norweger ein Volk mit ausgeprägtem Nationalstolz sind, habe ich bei unseren früheren Reisen bereits festgestellt. Heute lernte ich, dass der Regionalstolz das sogar noch toppt. Die Südnorweger seien distanziert, verhalten sich formell und entsprächen alles in allem eher dem Cliché des reservierten Norwegers, so erklärte man uns. Im Norden hingegen trage man seine Gefühle offen nach außen. Die Nordnorweger seien temperamentvoll und untermalen ihre Gespräche gerne mit Händen und Füßen, sie seien also quasi die Italiener des Nordens. „Wenn es sein muss, können wir Nordnorweger auch richtig derbe fluchen, sogar schlimmer als im Ruhrpott“, erzählte Ann Karina lachend, die den Vergleich schließlich aus eigener Erfahrung ziehen kann. Auch die Toleranz sei im Norden des Landes viel höher, betonten die Dorfbewohner. „Bei uns darf jeder seine Eigenarten haben und wird genau so akzeptiert, wie er ist.“ Da mag natürlich mit hinein spielen, dass die Menschen im dünn besiedelten Norden auch einfach keine so große Auswahl haben, was Freunde und Nachbarn betrifft.

Ein Schwank aus Nordnorwegen und Ringstad

Ich wunderte mich, dass viele Norweger zumindest etwas deutsch sprechen. Woher, wollte ich wissen. Durch Derrick. Ja, genau, „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“-Derrick. Die Krimiserie meiner Jugend war auch in Norwegen bekannt und beliebt. Jeden Freitag um halb neun verfolgten die Norweger die Fälle von Stefan Derrick und Harry Klein, natürlich im deutschen Original mit norwegischen Untertiteln. Abendunterhaltung mit Fortbildungscharakter, wie praktisch!
Im Laufe des Abends erfuhren wir so Einiges über das Leben in und um Ringstad. Unter anderem erzählten uns die Dorfbewohner von ihrem alljährlichen Sommerfest, bei dem sie in verschiedenen sportlichen Wettkämpfen gegeneinander antreten. Meine Lieblingsdisziplin ist der Fischkopfweitwurf. Klingt ekelig, ist es auch. Bereits Wochen im Voraus sammelt Ann Karina bei ihren Angelgästen die Fischköpfe ein. Am Wettkampftag hüllen sich die Sportler in Kittel und Einweghandschuhe und los geht`s: Die Fischköpfe werden so weit eben möglich ins Meer geworfen. Siffig, glibberig, aber lustig sei es, versicherten mir die Ringstader.
Im Gegenzug stellten wir als deutsche Funsportart den Bierkastenlauf vor, der sofort großen Anklang bei den Dorfbewohnern fand. Vielleicht wird er im Sommer bereits erstmals auf den Vesterålen ausgetragen? Wir sind jedenfalls gerne dabei. Unseren Bierkasten bringen wir selber mit, als Sportgerät müsste der ja zollfrei sein 🙂

Gipfelsturm: Wanderung auf den Veten

Am nächsten Vormittag machten wir uns auf, um die höchste Erhebung der Region zu erklimmen, den 467 m hohen Veten. Wir parkten unser Auto an der Rv 820 kurz hinter Mårsund und machten zunächst einen kurzen Abstecher zur Küste. Eng an den Fels geschmiegt liegt dort eine Sturmhütte, voll ausgestattet mit Sitzgelegenheit, Kamin, Kerzen usw. Hier trifft man sich, am liebsten bei Sturm, und schaut aus dem Warmen heraus zu, wie die Wellen gegen die Küste branden. Unbezahlbar!

Weiter gings`s! Wir folgten zunächst einem vereisten Waldweg, der sich bald zwischen Wiesen und Birken bergan schlängelte. An der nächsten Wegkreuzung hielten wir uns rechts, bis wir die Mittelhütte erreichten. Auf der Veranda reihten sich mehrere Paare Langlaufski aneinander, die in diesem Winter vergeblich auf einen Einsatz hofften.

Losjehytta

Losjehytta: Das erste Teilstück ist geschafft.


Wir spazierten weiter durch eine morastige Hochmoorlandschaft, in der tückische Eisflächen auf uns arglose Wanderer warteten. Für den finalen Aufstieg zum Gipfel zogen wir Schuhspikes über unsere Stiefel, die Ann Karina uns geliehen hatte. Zwar mussten wir weiterhin vorsichtig bei den Eisflächen sein, auf den Schneepassagen rund um den Gipfel gaben uns die Spikes aber sicheren Halt. Nach knappen zwei Stunden gemütlichen Aufstiegs erreichten wir den Gipfel und genossen einen grandiosen Ausblick.

Ausblick vom Veten

Ausblick vom Veten auf Ringstad, die Schären und das Bergpanorama der Vesterålen.

Wir trugen uns ins Gipfelbuch ein, das trotz des noch jungen Jahres bereits ordentlich gefüllt war. Hinter ihren Namen hatten die Gipfelstürmer die Anzahl ihrer Gipfelbesuche in 2014 geschrieben – einige steigen fast täglich zum Veten auf. Die Norweger sind eben ein Völkchen, das jede Gelegenheit nutzt, um draußen in der Natur zu sein. Wir trafen unterwegs gut gelaunte Sonntagsspaziergänger, sportlich motivierte Trailrunner, zwei rüstige Rentnerinnen, die uns beim Aufstieg lächelnd abhängten, und Hundebesitzer beim Gassi gehen. Eines ist allen gemein: Man wirft sich ein freundliches „Heia“ zu und wechselt ein paar Sätze. Schön!

Rundfahrt durch die Region

Leider ist die für den Nachmittag geplante Seeadlersafari ausgefallen, und damit für uns ein persönliches Highlight ausgeblieben – sehr schade. Wir holten uns daher kurzer Hand von Ian einige Tipps zu Sehenswürdigkeiten, stiegen wieder ins Auto und brachen zu einer regionalen Erkundungstour auf. Bei Rise bogen wir auf die Fv 915 ab, folgten der Küstenstraße, genossen die Aussicht am Traumstand Sandvik und schlenderten durch das Fischerdorf Nykvåg.

Fischerdorf Nykvåg

Abendliche Szene im Hafen des Fischerdorfs Nykvåg. [Foto: Jan]


Natürlich besuchten wir auch den „Mann vom Meer“, der Teil der weltweit größten Freiluftkunstausstellung ist. In meiner ersten Reaktion hakte ich die Skulptur als langweilig ab, erst Ians spätere Erläuterungen weckten mein Interesse. Im Rücken des Mannes ist eine kleine Frau eingelassen, die ihm symbolisch den Rücken stärkt, während er ihr Schutz bietet – schönes Bild. Darüber hinaus hält der Mann vom Meer einen Kristall in seinen Händen, der die Mitternachtssonne reflektiert und so einen Leuchtturm darstellt. Sicherlich auch ein toller Anblick.

Mann vom Meer

Der „Mann vom Meer“ in Vinje ist Teil der weltweit größten Freiluftkunstausstellung.

Dieses Erlebnis steht aus meiner Sicht stellvertretend für den Tourismus auf den Vesterålen: Ohne Guide ist alles bestenfalls halb so interessant. Die Region blieb bislang (noch) vom Massentourismus verschont – zum Glück! Entsprechend fehlt allerdings eine gute Infrastruktur: Aussagekräftige Wegweiser sind Mangelware, viele kleine Ortschaften sind in den leider nur sehr groben Übersichtskarten der Tourismusbroschüren gar nicht abgebildet, Informationstafeln zu Attraktionen sucht man vergebens. Daher mein Rat: Um euch Irrfahrten und Enttäuschungen über vermeintlich langweilige Sehenswürdigkeiten zu ersparen, bucht einen lokalen Reiseführer! Ann Karina und Ian beispielsweise sind zertifizierte Vesterålen-Guides, die eine Vielzahl von Ausflügen und Erlebnissen anbieten und ihre Gästen dabei mit wissenswerten und interessanten Informationen versorgen.

Geheimtipp: Inoffizielle Landschaftsroute

Am nächsten Tag brachen wir auf zu den benachbarten Lofoten. Wir entschieden uns für die zeitlich längste, aber landschaftlich reizvollste Route.

Altes Holzboot

Altes Holzboot am Ufer des Eidsfjords.

Am Ende des Eidsfjords bogen wir von der Rv 820 auf den Eidsfjordsveien (Fv 885) ab, der uns in unzähligen Kurven und Schlenkern immer entlang des Fjords führte. Mein Hobbyfotografenherz sprang ein ums andere Mal höher: Ich knipste Fischerhütten, Holzboote sowie Berg- und Fjordpanoramen, was das Zeug hielt.

Stokmarknes: Die Wiege der Hurtigruten

MS Finnmarken

Ein Mal Kapitän sein… Das Hurtigrutenmuseum macht`s möglich.

Wir legten einen Zwischenstopp in Stokmarknes ein, wo Richard With im Jahre 1881 die Vesterålen Dampfschifffahrts- gesellschaft gegründet hat.
Ein kurzer Besuch des Hurtigrutenmuseums gab uns einen Einblick in die beeindruckende Geschichte der Postschifffahrt. Zum Museum gehört auch das ausgemusterte Schiff MS Finnmarken: Bistros, Salons, Kabinen aus verschiedenen Seereiseepochen und nicht zuletzt die Brücke vermittelten uns ein realistisches Bild von der Postschifffahrt der vergangenen Jahre. Geschichte zum Anpassen.

Ha det bra, Vesterålen!

Von Stokmarknes aus fuhren wir entlang der Westküste Hadseløyas nach Melbu, von wo aus wir mit der Fähre nach Fiskebol übersetzten. Zum Abschied zeigten sich die Vesterålen nochmals von ihrer schönsten Seite.

Sonnenuntergang auf Hadseløyas

Sonnenuntergang vor der Westküste Hadseløyas


Ha det bra, Vesterålen!

Ha det bra, Vesterålen! Wir kommen wieder!

Takk for oss!
Herzlichen Dank an Ann Karina und Ian für die Einladung in ihr Huset på yttersiden!
Wir hatten eine tolle Zeit bei euch.

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