Jedermannsrecht: Freier Zugang zu Norwegens Natur

Jedermannsrecht: Freier Zugang zu Norwegens Natur

Norwegen ist ein recht wohlhabendes Land, und damit eines der teuersten Reiseländer weltweit. Noch nie habe ich einen Fuß in ein norwegisches Hotel gesetzt. Meine luxuriösesten Unterkünfte waren B&Bs (im Winter in Nordnorwegen), ansonsten habe ich an Regentagen in kleinen Camping-Hütten und die übrige Zeit im Zelt übernachtet. Durch das norwegische „Jedermannsrecht“ ist das Zelten sogar kostenfrei möglich.

Jedermannsrecht: Ein norwegisches Grundrecht

Das Jedermannsrecht ist im „Gesetz über das Leben im Freien“ vom 28. Juni 1957 festgeschrieben. Es erlaubt Einheimischen wie Touristen, sich frei in der Natur zu bewegen, selbstverständlich unter Rücksichtnahme auf Menschen, Tiere und Pflanzen. Jedermann (und jede Frau) darf also in Norwegen wandern, radeln, Skifahren etc., und zwar auf nicht erschlossenem Land, also im Gebirge, am Strand oder im Wald. Auch das Zelten und Campen ist für bis zu zwei Nächte in der freien Natur gestattet, sofern man mindestens 150m Abstand zum nächsten Haus oder zur nächsten Hütte einhält und die Anwohner nicht durch Lärm oder sonstiges stört. Es versteht sich von selbst, dass kein Müll hinterlassen werden darf. Natürlich darf die Natur auch sonst in keiner Weise geschädigt werden, d.h. bitte keine Seifen in Bäche kippen, Vorsicht bei offenem Feuer walten lassen, Beeren und andere Pflanzen nur für den sofortigen Verzehr ernten, kein Holz schlagen, sich von Tierhöhlen und Nestern fern halten etc. Das Fischen und Jagen fällt übrigens nicht unter das Jedermannsrecht, für das Angeln ist in Norwegen immer eine Angelerlaubnis erforderlich.
Das Jedermannsrecht kann durch entsprechende Beschilderungen eingeschränkt werden, z.B. in Naturschutzgebieten, in Gefahrenzonen wie beispielsweise an Gletscherkanten oder während der Jagdsaison (wer hat schon gerne eine Ladung Schrot im Hintern?!). Solche Warnungen und Verbote sollten zwingend eingehalten werden!

Wasser auffüllen

Das Wasser aus den norwegischen Bächen ist soooo lecker! Und kostenfrei. Unser Müll wandert in der Tüte am Rucksack übrigens wieder mit ins Tal.

Vorteile des Jedermannsrecht

Ich finde das Jedermannsrecht phantastisch! Es ist toll, dass ich in den Gebirgen Norwegens wandern kann, ohne feste Etappen einhalten zu müssen. Wenn ich k.o. bin, keine Lust mehr habe, weiterzugehen, oder wenn ich einfach nur ein schönes Plätzchen zum Verweilen gefunden habe, halte ich an und schlage mein Nachtlager auf. Auf diese Weise kann ich auch besonders exponierte Stellen wie die Trolltunga oder den Preikestolen bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang ohne die sonst dort herum wuselnden Menschenmassen erleben. Ganz nebenbei spare ich durch das Wildcampen die ein oder andere Krone, was natürlich im durchaus teuren Norwegen auch mal nicht schlecht ist. Aber muss ich auf Teufel komm raus wildcampen? Ich finde nicht!

5 Vorteile von Campingplätzen

Wildcampen ist eine feine Sache, aber auch Campingplätze und die zu den (DNT-)Hütten gehörenden Zeltplätze haben so ihre Vorzüge.
Im Jahr 2011 haben wir eine mehrtägige Wanderung im Jotunheimen-Gebirge unternommen. Eigentlich wollten wir dort hauptsächlich wildcampen, jedoch hat uns das Wetter einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Der Untergrund war dermaßen aufgeweicht, dass uns die Matsche beim Wandern von oben in die Stiefel geschwappt ist. Ein Traum! Statt Zelt hätten wir besser ein überdachtes Schlauchboot gebrauchen können. Notgedrungen disponierten wir um und zelteten für ein paar Kronen bei den jeweiligen Hütten, was uns unter den gegebenen (Wetter-)Umständen die folgenden fünf unschlagbaren Vorteile einbrachte:

  1. Wir konnten die sanitären Anlagen der Hütte nutzen. Und so eine heiße Dusche nach einem durchregneten Wandertag ist schon ein echter Luxusfaktor.
  2. Wir haben uns abends gemütlich ans Kaminfeuer im Aufenthaltsraum gesetzt und ein Buch gelesen oder mit anderen Wanderern gequatscht. In Glitterheim war sogar der Tee noch im Preis inbegriffen.
  3. Wir konnten den Trockenraum mit benutzen. Morgens in warme und trockene Wanderstiefel zu schlüpfen, war einfach ein Traum! Zudem war es äußerst charmant, kein nasses Zelt in den Rucksack packen zu müssen. Wir haben morgens zuallererst das Zelt abgebaut und zum Trocknen aufgehängt, anschließend gefrühstückt und dann das trockene Zelt im Rucksack verstaut.
  4. Im Zelt zu kochen ist mitunter sehr beengend, daher habe ich die Kochmöglichkeiten sehr zu schätzen gewusst, die einige Hütten geboten haben. Während es in Glitterheim nur eine alte Steinhütte als Unterstand gab, bot Spiterstulen sogar eine Kochhütte mit Kochgelegenheit, fließend Wasser und Eßplätzen. Die Küchen der „echten“ Campingplätze im Tal sind teils sogar richtig feudal ausgestattet.
  5. Nach einer besonders langen Etappe hatten wir so gar keine Lust mehr, noch zu kochen. Wir nutzen kurzentschlossen die Annehmlichkeit des leckeren Abendessens, das in der Hütte Memurubu angeboten wurde. Das war zwar kein Schnapp, aber das war es uns wert.
Glitterheim, Jotunheimen

Endlich angekommen! Bei der Hütte Glitterheim haben wir unser Zelt aufgeschlagen.

Manchmal wird das Jedermannsrecht leider ausgenutzt…

Ich habe während meiner Norwegen-Reisen schon einige Szenen erlebt, in denen Touristen, häufig Deutsche, das Jedermannsrecht – sagen wir mal euphemistisch – sehr frei auslegen. In Norwegen gibt es viele gemütliche Rastplätze mit toller Aussicht, Picknick-Gelegenheit, teils Grill-Möglichkeit und sogar mit sauberen Sanitäranlagen inklusive Dusch-Möglichkeit. Wie der Name „Rastplatz“ schon sagt, sind diese Plätze zum Rasten gedacht: Für den Lunch-Break, die kurze Dusche nach der Wanderung oder einfach nur für ein Sonnenstündchen als Unterbrechung einer längeren Autofahrt. Nicht aber zum Campen. Ich weiß nicht, ob es diese ätzende „Geiz ist geil“-Mentalität ist, der die Touris dennoch dazu bewegt, sich auf den Rastplätzen häuslich niederzulassen, oder welche anderen Motive dahinter stecken. Gut heißen kann ich persönlich das jedoch nicht. Wer isst schon gerne sein Pausenbrot neben aufgehängter Wäsche oder einem bierbäuchigen Herren in Badehose?
In Fagernes haben wir zwei junge Männer gesehen, die ihr Zelt einfach auf einer kleinen, öffentlichen Grünanlage im Ort selbst aufgeschlagen haben. Der Abstand zum nächsten Haus betrug gerade mal 50m. Ich finde das schlichtweg frech. Das Jedermannsrecht bietet uns Reisenden doch so viele „legale“ Möglichkeiten, kostenfrei in Norwegen zu übernachten, davon können wir hier in Deutschland ja nur träumen. Es wundert mich jedenfalls nicht, dass auch in Norwegen immer mehr Schilder aufgestellt werden, die das Campen an bestimmten Stellen explizit verbieten. Schade, dass das anscheinend vermehrt nötig wird. Ein Norwegen ohne Schilderwald gefällt mir deutlich besser.

Respekt und Rücksichtnahme

Letztlich muss jeder selbst entscheiden, ob er auf Campingplätzen einkehrt oder lieber das Jedermannsrecht in Anspruch nimmt. Ich persönlich setze auf eine gute Mischung. Wenn ich in abgeschiedenen Gegenden, z.B. im Gebirge oder Wald, unterwegs bin und das Wetter mitspielt, ist Wildcampen mein klarer Favorit. Etwa jeden zweiten Tag und eigentlich immer bei Schlechtwetter nehme ich gerne die Annehmlichkeiten von Campingplätzen in Anspruch, allen voran die Dusche.
Wie auch immer der Einzelne sich entscheidet, eines ist unumstößlich: Wo Rechte sind, gibt es auch Pflichten – und die gilt es einzuhalten! In der Natur, auf dem Campingplatz, auf Reisen wie auch zu Hause sollten Respekt und Rücksichtnahme geübt werden.

In diesem Sinne wünsche ich allen Norwegen-Reisenden einen schönen Urlaub!

Rucksäcke am Russvatnet

Sehr idyllisch war’s am Russvatnet. Aber uns war’s auch zu nass zum Zelten.


Wie steht ihr zum Jedermannsrecht? Habt ihr schon mal wild gecampt? Oder steuert ihr lieber einen Campingplatz, ein B&B oder gar ein Hotel an? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen.

Mehr lesen...

Interessant? Dann gerne teilen!   Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone