Isländisches Hochland entlang des Laugavegur

Laugavegur: Die bekannteste Trekkingtour in Island

Nachdem wir den zweitägigen Fimmvörðuháls-Trail gemeistert hatten, nahmen wir den berühmten Laugavegur in Angriff. 54 km Wanderweg liegen zwischen dem Þórsmörk und der Landmannalaugar. Normalerweise wird der „Weg der heißen Quellen“ in vier Tagesetappen gegangen, wir haben ihn (notgedrungen) in nur drei Tagen bezwungen.

Laugavegur: Ein Start mit Hindernissen

Der Pausentag hatte gut getan. Mit neuen Kräften und frisch motiviert krabbelte ich aus dem Zelt, wo bereits der gedeckte Frühstückstisch auf mich wartete. Auf meinem Teller lag ein Schokomuffin – mmmh! – und meinen Platz zierte ein kleiner Wiesenblumenstrauß, nett drappiert in einer abgeschnittenen PET-Flasche. Was eine liebe Geburtstagsüberraschung!

Nach dem gemütlichen Start in den Tag packte uns die Aufbruchstimmung. Peng! Ratsch! Was war das? Die Geräusche kamen von unserem Zelt. Oh nein! In der Zelthaut klaffte ein gut 20 cm großer Riss. Ich geriet sofort in Panik, aber zum Glück hatten wir Trekking-Profis in unserer Gruppe. Jörg stellte fest, dass eine Zeltstange gebrochen war, die das Außenzelt durchbohrt hatte. So ein Mist! Vorsichtig löste er die gebrochene Stange heraus und baute das Zelt ab. Was nun? Erstmal nichts. Einpacken und los wandern, um die Reparatur würden wir uns am Etappenziel Emstrur kümmern. Ich fand das zwar wenig befriedigend – ich bin eher der Probleme-bitte-sofort-lösen-Typ – , aber der Rest unserer Gruppe scharrte natürlich längst mit den Hufen. Mit gedämpfter Motivation startete ich auf den Laugavegur.

Etappe 1: Þórsmörk – Emstrur (15 km, 6-7 Stunden)

Drei Furten lagen auf unserer heutigen Etappe, Nummer eins ging durch die reißende Þröngá. Wir liefen am Ufer des Gletscherflusses entlang und suchten eine geeignete Stelle für die Flussquerung.

Þröngá

Trekking-Sandalen anziehen, Wanderstiefel am Rucksack vertäuen und durch die Þröngá furten.

Richtig Furten will gelernt sein!

Ich entdeckte eine schöne, schmale Stelle. „Nein, bloß nicht! Dort ist das Wasser tief und schnell“, wurde ich belehrt. Wir fanden eine breitere, flachere Stelle, die den Profis sicherer erschien. Ohne Trekking-Stöcke dennoch zu gefährlich. Nachdem die Gruppe die Þröngá überwunden hatte, kehrte Jörg mit einer Ladung Stöcke im Schlepptau zu uns zurück.

Jan durchfurtet die Þröngá.

Jan beim Furten: Konzentration, Kraft, Balance und Trittsicherheit waren gefordert.

Mit Trekking-Stöcken in den Händen und einem mulmigen Gefühl in der Magengegend wagte ich mich an die erste Furt meines Lebens. „Stopp! Du musst den Brust- und den Bauchgurt öffnen. Solltest du stürzen, kannst du den Rucksack abwerfen, andernfalls könntest du selbst im knietiefen Wasser ertrinken.“ OMG! Ohne die Tipps und Hilfe der Gruppe hätten wir Trekking-Neulinge uns beim Furten in Lebensgefahr gebracht.
Das Wasser hatte eine enorme Kraft. Und es war kalt, mächtig kalt – kein Wunder, schließlich ist die Þröngá ein Gletscherfluss. Trotz meiner Eisfüße arbeitete ich mich langsam und konzentriert voran. Bloß nicht hinfallen! Ich war froh, als ich trockenen Fußes Körpers das andere Ufer erreichte.

Richtig Furten
Umfassende Tipps zum sicheren Furten gibt es auf der Island-Webseite von Dietrich Graser.

Meine Euphorie über die gemeisterte Furt hielt nicht sooo lange an, Nebel und Regen dämpften unser aller Stimmung. In Regenkleidung gehüllt wanderten wir schweigend durch die verschleierte Landschaft. Eine klamme Stille umgab uns, die irgendwann durch eilige Schritte unterbrochen wurde. Wir trauten unseren Augen nicht, als uns hier – mitten im isländischen Hochland – ein Läufer entgegen kam. Mit Startnummer sogar. Eine Weile später begegneten wir dem nächsten Läufer, bald weiteren. Einer forderte uns per Geste dazu auf, ihn mit Applaus anzufeuern, nur um uns, seine Fans, aus dem Laufen heraus mit seiner Digicam zu fotografieren. Verrückt!

Teilnehmer des Ultramarathons

Teilnehmer des 55 km langen Ultramarathons entlang des Laugavegur.

Verrückt: Ultramarathon auf dem Laugavegur

Von einem Streckenposten erfuhren wir, dass heute der jährliche, 55 km lange Ultramarathon auf dem Laugavegur stattfand. Sachen gibt`s! Habt ihr eine Ahnung, in welcher Zeit die Läufer die Strecke bewältigt haben? Haltet euch fest (ich bin nämlich fast hinten rüber gefallen): Der Sieger – natürlich ein Isländer – hat einen neuen Streckenrekord aufgestellt, er lief: 4:20 Stunden!! Stand heute liegt der Streckenrekord sogar bei 3:59 Stunden, denn Þorbergur Ingi Jónsson hat seine 2009er-Bestmarke in 2015 nochmals deutlich unterboten. Krass, oder?

Islands Hochland mit Mýrdalsjökull

Braun-schwarze Lavalandschaft, mit grünen Moosen überzogen. Im Hintergrund thront der Mýrdalsjökull.

Während die Trailrunner über den Laugavegur rasten, genossen wir die wunderbare Lavalandschaft in aller Ruhe. Dieses Farbenspiel aus braun und grün war phantastisch! Und wenn zwischendurch der Regen mal eine Pause einlegte und die Sonne durch die Wolken lugte, wirkte das Farbspiel noch um ein Vielfaches intensiver. Ein Nachteil der Sonne war allerdings, dass wir unter unserer Regenrobe flott zu schwitzen begannen. Das wiederum brachte mir dieses tolle Fotomotiv ein, hihihi:

Zum Trocknen aufgestellt

Zum Trocknen aufgestellt 🙂 Auch der Schweiß will in der (Regen-)Pause mal etwas getrocknet werden.

Kreative Zelt-Flick-Aktion

In Emstrur angekommen lautete unser nächster Programmpunkt „Zeltrettung“. Die gebrochene Zeltstange konnten wir ganz einfach mit einer Reparaturhülse fixen, die Zelthaut stellte uns vor eine größere Herausforderung. Zum Glück wird Hilfsbereitschaft unter Outdoorern groß geschrieben. Von anderen Wanderern bekamen wir Nadel und Faden sowie Duct Tape*, ohne das wir seitdem niiiiie wieder auch nur die kleinste Reise bestritten haben. Jan nähte die gerissene Zelthaut zusammen und verstärkte die Naht anschließend mit dem Tape. Als wir das geflickte Werk aufbauten, schickte ich ein Stoßgebet gen Himmel – und siehe da, das Zelt hielt! Alles andere wäre auch schlecht gewesen, hier, mitten im isländischen Hochland, fernab von jedweder Zivilisation…

Geflicktes Zelt

Nach einer längeren Flickaktion haben wir das Zelt glücklicherweise zum Stehen gebracht.

Aus Schaden wird man klug: Wichtiger Tipp für euch!!
Das Zelt hatten wir uns für diese, unsere erste Tour, geliehen. So ärgerlich die Situation für uns im Urlaub war, ging ich aber davon aus, dass der Schaden wenigstens durch unsere Haftpflichtversicherung abgedeckt war. Möp! Falsch. Geliehene Gegenstände deckt eine Haftpflichtversicherung nicht ab. Wir mussten am Ende zwei Mal 400 Schleifen auf den Tisch legen, ein Mal um das Zelt zu ersetzen und das zweite Mal, um uns ein eigenes Zelt für kommende Touren anzuschaffen. Seitdem leihe ich mir keine teuren Gegenstände mehr aus.

Emstrur: Abendwanderung zum Canyon

Trotz unserer 15 Tageskilometer legten wir noch einen kleinen Abendspaziergang ein. Meine Füße schrien „nein“, aber nach dem Zwangspausentag auf dem Þórsmörk wollte ich nicht schon wieder etwas verpassen. Gute Entscheidung! Der bis zu 180 Meter tiefe Canyon Markarfljótsgljúfur hat mich fast aus meinen Wanderschuhen gehauen. Ein grandioses Naturschauspiel, dazu eine friedliche Stille und eine riesige, innere Zufriedenheit – so könnte gerne jeder Tag ausklingen.

Markarfljótsgljúfur

Beeindruckende Schlucht: Markarfljótsgljúfur.

Weitere Impressionen unserer ersten Laugavegur-Etappe:

Etappe 2: Emstrur – Álftavatn (15 km, 6-7 Stunden)

Heute ging es durch die Wüste. Moment, eine Wüste in Island? Jawohl, die Lavawüste von Emstrur. Kilometerweit schlängelte sich unser Weg über schwarzen Lavasand. Hier und da ragten Gipfel empor, die in ein grünes Kleid aus Moos gehüllt waren. Welch eine unwirkliche Mondlandschaft!

schwarze Lavawüste von Emstrur

Der Marsch durch die schwarze Lavawüste von Emstrur zog sich…

Ich war begeistert von dieser Szenerie – zumindest die erste halbe Stunde lang. Unser Etappenziel Álftavatn lag am Fuße des Gebirgszugs, der sich am Horizont abzeichnete. Und nach einer Stunde lagen die Berge immer noch in weiter Ferne. Auch nach anderthalb Stunden. Ich war froh, als zur Abwechslung ein Fluss durch die Mondlandschaft rauschte, den wir jedoch bequem über eine Brücke passieren konnten. Weiter ging`s durch die monotone Lavawüstenwelt. Ich ertappte mich dabei, wie ich leise die Melodie aus einem Western vor mich hin summte. Oha! Immerhin lagen hier keine Tierskelette herum. Wie auch, wer will schon in dieser rauen Einöde leben?!

Auch das Furten per Auto will gelernt sein

Endlich rückten die Berge näher. Ich jubelte innerlich, wurde aber jäh wieder ausgebremst, als wir den breiten Gletscherfluss Bláfjallakvísl erreichten. Da sollten wir durch? Uff.

Bláfjallakvísl: Die breiteste Furt des Laugavegur.

Bláfjallakvísl: Die breiteste Furt des Laugavegur.

Während wir uns Furt-fertig machten, traf ein Jeep ein. Die beiden Insassen, ein Pärchen, boten uns eine grandiose Show. ER saß hinter dem Steuer und schickte SIE in den Fluss, um Wassertiefe und Strömung zu checken. SIE stakste etwas unbeholfen und wild gestikulierend im Wasser umher, während ER aus dem Seitenfenster heraus Regie-Anweisungen erteilte. Herrlich! Nach einem kurzen Zwist fuhren die beiden, getreu dem Motto „Augen zu und durch“, schließlich einfach drauf los. Zum Glück ging das Manöver gut.

Nun waren wir an der Reihe. Ich watete ein paar Meter weiter flussabwärts ins kalte Wasser. Langsam tastete ich mich über die wackeligen Steine voran, während die Kälte des Wassers wie kleine Nadelstiche in meinen Beinen schmerzte. Brrr! Ich biss die Zähne zusammen und kämpfte mich Schritt um Schritt voran, bis ich erleichtert das rettende Ufer erreichte.
Erst nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte etwas Leben in meine Beine zurück. Mehr noch, meine Beine fühlten sich plötzlich wie neu an. Ich verspürte einen Energieschub, der mich federnden Schrittes bis ins grüne Hvanngil-Tal brachte. Anschließend wartete bereits die nächste Furt auf uns. Nach dem breiten Bláfjallakvísl war der tiefere, aber schmalere Fluss Bratthálskvísl allerdings ein Klacks für uns. Nach einer kleinen Anhöhe blickten wir auf unser herrlich gelegenes Tagesziel Álftavatn hinab.

See Álftavatn.

Unser Tagesziel: Die Hütte am See Álftavatn.


Für die Nacht war ein kräftiger Wind angesagt. Oje, ob unser geflicktes Zelt dem Stand hielt? Wir erkundigten uns nach einem Schlafplatz in der Hütte und hatten enormes Glück. Während von draußen Regen und Wind gegen die Fensterscheiben peitschten, schlummerten wir in der muckeligen Hütte – gemeinsam mit 32 anderen Wanderern im Raum.

Weiter zu Teil 2 unserer Laugavegur-Wanderung

* Amazon-Partnerlink
Wenn euch meine persönliche Produktempfehlung überzeugt und ihr das Produkt gerne bestellen möchtet, freue ich mich, wenn ihr diesen Link benutzt. Ich bekomme dann eine kleine Provision, während ihr natürlich keinen Cent mehr bezahlt. Wenn ihr allerdings vermeiden wollt, dass Amazon weiß, dass ihr den Produkttipp von mir habt, dann meidet den Link.

Mehr lesen...

Interessant? Dann gerne teilen!   Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone