Auf dem Laugavegur

Laugavegur: Zu den heißen Quellen der Landmannalaugar

Die Nacht im Bettenlager war überraschend angenehm. Wir waren ausgeruht und hatten gute Laune, die Sonne schien – perfekte Voraussetzungen für die dritte Etappe des Laugavegur, die uns von Álftavatn nach Hrafntinnusker bringen sollte. Die Wettervorhersage war allerdings weniger verheißungsvoll…

Wetter: Finstere Aussichten

Ein Unwetter war uns auf den Fersen und sollte uns abends auf dem ungeschützten Zeltplatz in Hrafntinnusker mit voller Wucht treffen. Was nun? Unsere Gruppe hielt Kriegsrat, und wir waren uns einig, dass wir auf keinen Fall im Zelt nächtigen wollten. Die Hütte in Hrafntinnusker war allerdings ausgebucht. Als einzige Option blieb uns, eine Doppeletappe bis in die geschützte Landmannalaugar einzulegen. Das bedeutete 24 km, 8-10 Stunden reine Gehzeit und die steilste und längste Steigung des gesamten Laugavegur – puh! Aus Mangel an Alternativen wollten wir es versuchen.

Wegweise Landmannalaugar

Unser angepeiltes Ziel: Statt nur nach Hrafntinnusker wollten wir bis in die Landmannalaugar durchlaufen.

Hinweis zum Zelten auf dem Laugavegur
Wildzelten wäre nicht in Frage gekommen, falls uns die Puste ausgegangen wäre. Auf dem gesamten Laugavegur ist das Zelten ausschließlich auf den ausgewiesenen Zeltplätzen bei den Hütten erlaubt. Nicht, um den naturverbundenen Wanderer zu ärgern, sondern weil die karge Vegetation äußerst störanfällig ist. Die Zeltplätze sind aber alle komplett naturbelassen und nicht übervölkert, so dass man dennoch eine gewisse Einsamkeit und natürlich herrliche Aussichten genießen kann.
[Stand 2009 – Hat jemand aktuellere Erfahrungen?]

Etappe 3: Álftavatn – Hrafntinnusker (12 km, 4-5 Stunden)

Nachdem wir den Álftavatn hinter uns gelassen hatten, begann der steile Aufstieg zum Aussichtspunkt Jökultungur – und der hatte es wahrlich in sich. Wir schwitzten, wir ächzten, wir fluchten. Fast eine Stunde benötigten wir, bis wir uns über den losen Schotter die 600 Höhenmeter hinauf gequält hatten.

Jökultungur

Jökultungur: Fiesester Aufstieg des gesamten Laugavegur, die Aussicht lohnt aber.

Oben angekommen zeigte die Landschaft ein ganz anderes Gesicht: Alles Grün hatten wir hinter uns im Álftavatn-Tal gelassen, orange, braun und ein bisschen rot waren nun die dominierenden Farben. Die Erde dampfte und zischte, Schlammtöpfe blubberten, und es staaaank!

Schwefelgeruch

Bäh, Schwefelgeruch! So ein Buff hat wirklich vielseitige Einsatzmöglichkeiten 🙂

Das war nun endlich das Bilderbuch-Island, auf das ich mich die ganze Zeit so gefreut hatte (abgesehen von der Duftnote vielleicht…). Nicht, dass die bisherigen landschaftlichen Facetten nicht auch toll gewesen wären, aber hier war der Vulkanismus zum Greifen nah. Ich konnte die Natur in all ihrer Kraft und Rauheit förmlich spüren. Und halt riechen…

Fumarolen in der Rhyolithlandschaft

Vulkanismus zum Anfassen: Die farbenfrohe Rhyolithlandschaft ist mit unzähligen Fumarolen gespickt.

Da wir uns mittlerweile auf über 1.000 Metern Höhe befanden, war die farbenfrohe Rhyolithlandschaft auch wieder von Schneefeldern durchzogen. Das Gehen auf dem buckeligen und vereisten Altschnee finde ich furchtbar anstrengend, umso erstaunter war ich, als uns plötzlich Mountainbiker entgegen kamen. Mit Vollgas düsten sie die Hänge hinunter, hinein in das nächste Schneefeld, wo sie sich kräftigst einen abstrampelten, bis sie im Schnee versackten und absteigen mussten. Wer sein Rad liebt, der schiebt – dieser Spruch gilt anscheinend auch im isländischen Hochland.

Laugavegur per Mountainbike

Laugavegur per Mountainbike: Anscheinend auch eine (un)mögliche Variante, das isländische Hochland zu durchqueren

Nach knappen fünf Stunden, inklusive Pausen, erreichten wir Hrafntinnusker, mit 1.027 m der höchste Punkt des Laugavegur. Wir zogen Zwischenbilanz. Laune? Bestens. Fitnessgrad? Hoffnungsvoll. Alternativen? Immer noch nicht in Sicht. Im Gegenteil. Über der Lavawüste von Emstrur tobte ein dicker Sandsturm, und ein Blick auf den hiesigen Campingplatz löste nicht gerade eine heimeliges Gefühl bei uns aus. Schon gar nicht bei Jan und mir mit unserem kaputten Zelt. Einhellige Entscheidung: Weitergehen. Zuerst gönnten wir uns aber eine ausgedehnte Erholungs- und Futterpause.

Zeltplatz in Hrafntinnusker

Auf dem Zeltplatz in Hrafntinnusker hätte uns der Sturm mit voller Wucht erwischt.

Weitere Impressionen dieser Etappe:

(Angeblich) Lohnenswerter Abstecher
Wären wir planmäßig über Nacht in Hrafntinnusker geblieben, hätte ich sehr gerne noch den 40-minütigen Abstecher zu den Eishöhlen eingelegt. Tja, man kann nicht alles haben.

Etappe 4: Hrafntinnusker – Landmannalaugar (12 km, 4-5 Stunden)

Nach einer Stunde Sonne und Kraft tanken machten wir uns gegen drei Uhr auf den Weiterweg durch die rot-braun-weiße Vulkanlandschaft. Wir kamen ganz gut voran, bis… tja, bis ich Tolpatsch mal wieder meine Künste zum Besten geben musste. Vor mir tastete sich Ina langsam vom Schneefeld hinüber aufs Geröll. Vorsicht war geboten, denn der Schnee war dank der Sonne recht sulzig geworden, was besonders die Schneefeldränder zu tückischen Fallen machte. ‚Wenn der Schnee die schwerere Ina trägt, dann mich doch locker‘, dachte ich, und brach – knack! – ins Eis ein. Ich landete in perfekter Liegestützhaltung. Mein Gesicht hing nur Zentimeter über dem scharfen Lavagestein, während die 18 Kilo meines Rucksacks fleißig von oben drückten. Kurz bevor meine Muskeln schlapp machten, zogen Jan und Ina mich am Rucksack hoch. Puh, das hätte im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gehen können. Meine Bilanz: Ein dickes, blaues, schmerzendes Knie, eine tiefe Schnittwunde in der linken Handinnenfläche, die einfach nicht aufhören wollte, zu bluten, und ein ordentlicher Schreck.

Nicole und Jan im isländischen Hochland

Seht ihr meine unentspannte Handhaltung? Aua!.

Nach dem Schneefeld-Stapf-Marathon erreichten wir ein riesiges Solfatarenfeld. Aus Erdspalten stiegen Qualmwolken auf, türkisfarbene Tümpel blubberten munter vor sich hin, und aus einem Loch schossen in unregelmäßigen Abständen kleine Wasserfontänen hervor. Wir beobachteten das Brodeln und Dampfen fasziniert aus einiger Entfernung, denn die heißen postvulkanischen Gasausströmungen können 100°C bis sogar 250°C erreichen. Muckelig. In dieser Kulisse hätte ich mir gut einen kleinen Drachen vorstellen können. So einen kleinen Poldi: „Huaaa, ich will dir fressen!“

Stórihver

Das geothermische Gebiet Stórihver beheimatet zahlreiche dampfende und blubbernde Quellen.

Allmählich machte sich bei allen Erschöpfung breit, schweigend wanderte unser Grüppchen vor sich hin. Die vielen Kilometer, Höhenmeter und schwer zu laufenden Passagen dieser Doppeletappe steckten uns in den Knochen. Zum Glück rückte endlich der farbenprächtige Brennisteinsalda in Sicht, hinter dem die Landmannalaugar lag. Wir genossen kurz die Aussicht und machten uns dann an den Abstieg in das „Tal der heißen Quellen“.

Blick auf die Brennisteinsalda

Hinter dem farbenfrohen Vulkan Brennisteinsalda mit den zwei kleinen Türmchen liegt die Landmannalaugar. Der Weg zieht sich aber noch.

Unten angekommen stellte sich uns noch das schwarz glänzende Obsidianlavafeld Laugahraun in den Weg, das wir durchqueren mussten. Die Lavaformationen waren schon irre, allerdings konnte ich sie in meinem abgeschlafften Zustand nur noch semi-angemessen würdigen. Ich stolperte eigentlich nur noch auf unser Doppeletappenziel zu, wo ich gedanklich bereits in den heißen Quellen relaxte.

Laugahraun mit Brennisteinsalda

Geschafft! Das Lavafeld Laugahraun lag nun hinter uns, im Hintergrund erhebt sich der Vulkan Brennisteinsalda.

Ziel erreicht: Willkommen in der Landmannalaugar

In einer Rekordzeit von 3,5 Stunden hatten wir die Landmannalaugar erreicht. Hunger! Durst! Sitzen! Baaaden! Am liebsten alles gleichzeitig. Mein „Über-Ich“ verdammte mein „Es“ allerdings noch zum Warten. Wir bauten flott das Zelt auf und brauten uns auf dem Gaskocher ein Tütengericht zusammen. Dann – endlich! – ging es schnurstracks rein in die wohlig warmen Fluten.

Die heißen Quellen der Landmannalaugar

Die beste Belohnung nach 77 Wanderkilometern: Die heißen Quellen der Landmannalaugar.

Es war herrlich! Meine geschundene Muskulatur lockerte sich, und ich genoss die Wärme mit jeder Faser meines Körpers. Und dann diese Aussicht! DAS ist für mich Luxus. Es fiel mir schwer, mich irgendwann von dem natürlichen Hotpot zu lösen, vor allem weil die Luft abends empfindlich kalt war. Als ich mich aber in meinen Schlafsack gekuschelt hatte, strömte die wohlige Wärme wieder zurück in meinen Körper und ließ mich selig einschlummern.

Die letzte Etappe in Bildern:

Pausentag in der Landmannalaugar

Durch unsere Doppeletappe hatte wir einen Tag gewonnen, den wir – nicht zuletzt wegen der heißen Quellen – in der Landmannalaugar verbringen wollten. Da wir als Gruppe in den letzten Tag sehr dicht aufeinander gehockt haben, zogen an diesem Tag alle in einvernehmlichem Schweigen paarweise los. Die Landmannalaugar bietet viele Tagestour-Möglichkeiten, nichtsdestotrotz entschieden Jan und ich uns nur für kurze Spaziergänge in der näheren Umgebung des Campingplatzes. Wir waren immer noch geflasht von den Eindrücken während des Treks, außerdem schrien unsere Knochen nach einer Pause. Und auch die direkte Umgebung des Campingplatzes hatte visuell schon Vieles zu bieten.


Shop in den Landmannalaugar

Links Shop, rechts Café: Die beiden Busse waren kreativ umgestaltet worden.

Die Landmannalaugar besaß neben den heißen Quellen noch einen Trumpf: Es gab einen Laden! Vormittags war der noch recht spärlich bestückt, aber am Nachmittag sollte mit dem Bus aus Reykjavik frisches Brot geliefert werden. Wie die Geier stürzten sich die ganzen ausgehungerten bzw. den Tütengerichten überdrüssigen Wanderer auf die belegten Baguettes. Wir natürlich auch.

Abschied von der Landmannalaugar

Am nächsten Tag mussten wir uns von diesem kleinen, paradiesischen Fleckchen Erde verabschieden. Mit dem Linienbus fuhren wir gen Skaftafell Nationalpark. Die Busfahrt selbst war auch schon ein kleines Erlebnis. Zwischendrin stieg der Fahrer aus, holte aus einer der Gepäckfächer einen Spaten hervor und buddelte ein großes Schlagloch auf der Piste zu. Kam ein Fahrzeug in der hügeligen Landschaft entgegen, mussten Ausweichmanöver gestartet werden. Ausweichen muss übrigens immer der, der von unten kommt. Das Fahrzeug rückwärts bergab rollen zu lassen, ist eben einfacher, als rückwärts bergan zu fahren. Interessant, aber sehr praktisch fand ich außerdem, dass die Linienbusse tatsächlich Zwischenstopps an Sehenswürdigkeiten einlegen. „Fotostopp!“, rief der Busfahrer immer, gefolgt von der Pausenlänge.

Ausblick kurz hinter der Landmannalaugar

Ausblick kurz hinter der Landmannalaugar

Souvenir aus den heißen Quellen

Leider habe ich mir aus der Landmannalaugar ein eher lästiges Souvenir mitgebracht. Noch während der Busfahrt begannen meine Hände zu jucken, und rote Pusteln machten sich dort breit. Bäh! Im Skaftafell Nationalpark Center erhielt ich eine Salbe für meine Hände, die zum Glück schon binnen weniger Stunden für deutliche Besserung sorgte. Anscheinend waren Bakterien in den heißen Quellen die Ursache für die Hautirritationen – klar, dass ich da mal wieder zugegriffen hatte. Das grandiose Trekkingerlebnis auf dem Laugavegur samt Belohnungs-Bad in den heißen Quellen der Landmannalaugar konnten die kleinen Biester aber auf keinen Fall trüben.

Wasserfall auf dem Weg zwischen Landmannalaugar und Skaftafell

Fotostopp: Wasserfall auf dem Weg zwischen Landmannalaugar und Skaftafell

Diese, meine erste Trekkingtour werde ich nie im Leben vergessen. Trotz einiger Unfälle und Pannen haben wir als blutige Anfänger uns tapfer geschlagen. Seid ihr den Laugavegur auch schon gelaufen? Welches war eure erste Mehrtagestour? Und was ist bei euch schief gelaufen?

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