Silvesterfeier in Tunibamba

Jahreswechsel mal anders: Silvester im Andenhochland

Andere Länder, andere Sitten – das war das Motto unseres Silvester-Tages. Nach unserem Otavalo-Markt-Erlebnis haben wir einige Handwerksbetriebe in der Gegend besucht, um einen Einblick in das Arbeiten und das kulturelle Leben der indigenen Bevölkerung zu erhalten. Spannend und ernüchternd! Das absolute Highlight erwartete uns am Abend, als wir mit der gesamten Dorfbevölkerung von Tunibamba ins neue Jahr gefeiert haben. Einmalig und unvergesslich!

Traditionelles Handwerk: Totora-Matten

Unser erstes Ziel war das Städtchen San Rafael am Lago San Pablo, wo wir eine Flechterei besuchten. Hier durften wir zusehen, wie Schilfmatten geflochten werden.

Schilfmatte flechten

Herstellung von Totora-Schilfmatten

Fingerfertig fädelte die Indígena das Totora-Schilf durch die Längsstreben, schob die neue Reihe mit Hilfe eines kurzen Stocks dicht an die vorherige Reihe heran und klopfte das Schilf anschließend mit einem Stein fest. Das sah nicht gerade unanstrengend aus. Während die Mama arbeitete, spielten und tobten ihre beiden Töchter um sie herum – Arbeiten und Leben findet hier eben immer noch unter einem Dach statt.

Maske aus Totora-Schilf

Antonio zeigt uns eine traditionelle Maske aus Totora-Schilf.

Das Totora-Schilf wird im nah gelegenen See San Pablo geerntet, wo die Schilfbauern jeweils eigene Parzellen besitzen. Die Herstellung einer Matte (Größe wie auf dem Foto) dauert ca. 2 – 3 Stunden, hinzu kommt die Zeit für die Ernte und das Trocknen des Schilfs. Ganz schön viel Arbeit für die 7 – 10 USD, die eine solche Matte am Ende einbringt. Neben Matten werden auch Körbchen, kleine Schiffe und vor allem traditionelle Masken aus dem Schilf hergestellt.

Ecuadorianische Klänge

Weiter ging es nach Peguche. Hier wurde uns gezeigt, wie schnell und einfach man eine Panflöte herstellen kann, auch ohne Maschinen. Man nehme einige Bambusrohre und kürze eines davon mit einem Messer soweit, bis der gewünschte Grundton dabei herauskommt. Anschließend wird das nächste Bambusrohr zurecht geschnitten, etwas kürzer als das vorige, und so lange weiter gekürzt, bis der passende, nächste Ton entsteht. Am Ende werden alle Bambusrohre zu der Panflöte zusammen gebunden. Klingt banal, ist aber wirklich spannend, diesen Prozess visuell und akustisch zu verfolgen. Am Ende durften wir die Panflöten natürlich Probe spielen, wobei ich sang- und vor allem klanglos versagt habe.

Ecuadorianische Band

Wunderbare Klänge, die zum Träumen einladen!


Wie es richtig geht, hat uns dann die ganze Familie gezeigt: Sie spielten für uns einige traditionelle Lieder – einfach schön! Als Urlaubserinnerung habe ich gleich an Ort und Stelle eine CD mit diesen ecuadorianischen Klängen erstanden („Préstame el Camino“ von der Gruppe ñanda Mañachi).

Südamerikanische Instrumente

Sammlung diverser südamerikanischer Instrumente.

Neben Panflöten aus den unterschiedlichen Ländern Südamerikas waren noch reichlich andere Instrumente zu bewundern: Diverse Flöten für eingehende Melodien, Rasseln aus Ziegenhufen für rhythmische Klänge, verschieden große Regenmacher, die ursprünglich in Chile erfunden wurden, und sogar ein Gürteltier, dem man Töne entlocken kann. Anfassen und ausprobieren war ausdrücklich erlaubt!

Die spinnen, die Otavaleños!

Unser nächster Halt erfolgte im Dorf Carabuala, wo die Weber kunstvolle Schals und Halstücher anfertigen.

Herstellung von Wolle

Die Schafswolle wird gekämmt und kardiert.


Das Weberhandwerk wurde uns von der Pike auf gezeigt. Zunächst wurde die Wolle von der Weberin gekämmt, was einiges an Kraft erfordert, wie ich feststellen musste. Die dadurch entstandenen Rollen hat ihr Mann zu einer langen Schnur zusammengefügt und locker aufgewickelt, um sie anschließend mit einem handbetriebenen Spinnrad aus Holz zu Garn zu spinnen. Mit Hilfe einer einfachen Webmaschine wurde schlussendlich aus dem Garn ein Schal gewebt. Beeindruckend und wieder eine höllische Arbeit für die 10 USD, die ein einzelner Schal einbringt.

Ich ärgere mich ziemlich, dass wir nur einen Schal als Mitbringsel erstanden haben. Für handgefertigte Strickware aus Schafs- oder Alpakawolle ist der Preis ein Schnapp, vor allem aber kommt das Geld hier in vollem Umfang den Webern zu Gute, und nicht irgendwelchen Zwischenhändlern. Wir hatten Sorge, dass wir gleich zu Urlaubsbeginn zu viele Sachen kaufen, die wir die restliche Zeit mit uns hätten herumschleppen müssen. Rückwirkend betrachtet gab es jedoch keinen besseren Ort als die Gegend um Otavalo, um Strickwaren und dergleichen zu erstehen. Solltet ihr also einmal in die Gegend kommen, kauft unbedingt dort ein!

Otavaleños – Die fleißigen Bienen Ecuadors

Tagesfazit: Heute durften wir hautnah erleben, warum die Otavaleños verhältnismäßig wohlhabend sind. Sie sind handwerklich auf vielen Gebieten äußerst geschickt, die Menschen sind fleißig und sie leben und bewahren ihre Traditionen und ihre Kultur. Hierfür sind die Otavaleños auch im ganzen übrigen Ecuador angesehen und respektiert. Auf allen unseren weiteren Reisestationen haben wir immer nur positive und anerkennende Aussagen über das Andenvölkchen gehört.

Vorbereitung auf den Jahreswechsel: Muñecas und Wegzoll

Neben der allgemeinen regionalen Kultur lernten wir an diesem Tag auch sehr viel über die verschiedenen Silvester-Bräuche des Landes.

Maken für muñecas

An diesem Stand kann man Masken für seine muñeca kaufen.

Bereits auf dem Markt in Otavalo sind uns an jeder Ecke muñecas begegnet. Die lebensgroßen, selbst gebastelten Puppen symbolisieren das Schlechte des alten Jahres, weshalb viele der Puppen Pappmaché-Masken mit den Gesichtern von berühmten Personen wie Politikern, Fernsehstars etc. tragen. Um Mitternacht werden die muñecas angezündet, um so die bösen Geister des alten Jahres zu vertreiben. Ein wunderschöner Brauch, wie ich finde!

Eine andere Sitte erlaubt es den Kindern, Schranken zu errichten und Wegzoll zu erheben, mit dem sie sich abends auf der Silvester-Feier z.B. Süßigkeiten kaufen können. Auf unserer Dörfertour konnten wir die Evolutionsgeschichte der Schranke im Zeitraffer erleben.

Schranke an Silvester

Stopp! Wer hier lang möchte, muss zuerst einen Wegezoll bezahlen.

Die einfachste Schrank bestand aus einem Band, das die Kinder quer über die Straße gespannt hatten. Die nächste Schranke bestand bereits aus einem Holzbalken, den die Kinder an die Seite schoben, nachdem wir unseren Zoll entrichtet hatten. Kurze Zeit später passierten wir einen selbst gezimmerten Schlagbaum, der sich mit Hilfe eines Gegengewicht hoch klappen ließ. Ich hätte mich nicht mehr groß gewundert, wenn uns als nächstes eine elektrisch betriebene Schranke begegnet wäre, aber die gab es dann doch nicht. Dafür gerieten wir aber in ein kleines Schranken-Ballungszentrum mit drei Schranken auf 50 m Strecke. Zum Ende der Fahrt war unserer Fahrer etwas genervt, mir hingegen gefielen die enthusiastischen Kinder, die sich über jedes Auto und jede Zolleinnahme freuten wie kleine Schneekönige.

Bailamos! Auf ins Jahr 2012

Am Abend sind wir mit unserer Gastmutter Carmen und ihren Töchtern Laura und Julie zur Silvester-Feier von Tunibamba gegangen. Auf dem örtlichen Sportplatz war eine Bühne aufgebaut, auf der eine Liveband für Musik und Partystimmung sorgte. Diverse Verkaufsstände versorgten die Feiernden mit Snacks, Süßigkeiten, Bier und selbst gemachten Schnaps. Als stille Partygäste waren natürlich auch die muñecas dabei.

Muñecas

Die muñecas waren neben einem Verkaufsstand aufgereiht, bis um Mitternacht ihr letztes Stündlein schlug.


Während der Feier wurden immer wieder verschiedene Spiele gemacht, z.B. gegenseitiges Füttern mit verbundenen Augen, Sackhüpfen und ein Holzhackwettbewerb. In Deutschland undenkbar, hier waren Alt und Jung, Aktive und Zuschauer begeistert bei der Sache – ein riesiger Spaß! Außerdem wurde der letzte Tag des Jahres dazu genutzt, einigen Dorfbewohnern für ihre besonderen Dienste zu danken. Auch unsere Gastgeberin Carmen erhielt einen Geschenkkorb.

Irgendwann kaufte ich drei Bier für Carmen und uns zum Anstoßen, erntete dafür allerdings fragende Blicke. Was war falsch? Carmen holte ein paar Plastikbecher, verteilte sie an die umstehenden Leute und schenkte allen einen Schluck Bier ein. Ich sah mich um und stellte fest, dass das hier so Usus ist. Keiner trank aus der Flasche, das Bier wurde immer brüderlich und schwesterlich geteilt. Wieder etwas gelernt.
Auf einmal setze helle Aufregung ein. Den ganzen Abend lief schon ein Opa mit Silvester-Raketen herum, der etwas stündlich eine davon in die Luft jagte (direkt aus der Hand!), vielleicht als Countdown bis zum Jahreswechsel. Mit steigendem Biergenuss ließ aber ganz offenbar seine Koordination nach: Die Rakete steuerte schnurgerade auf den Gasgrill zu, prallte an der Gasflasche ab und erwischte die Oma hinter dem Grill, deren Poncho in Flammen aufging. Zum Glück ist nichts passiert, die Oma wurde sofort gelöscht. Einige schimpften, andere kicherten, und schon zwei Minuten später feierten alle fröhlich weiter, als sei nichts passiert. Eine skurrile Szene, die einmal mehr die Gelassenheit der Südamerikaner zeigte.

Tanz auf der Silvesterparty

Jung und Alt tanzten zu südamerikanischen Klängen, und zwar die ganze Nacht hindurch!

Die Tanzfläche füllte sich zusehends, und auch ich wurde zum Tanzen aufgefordert. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie man zu der schönen Andenmusik tanzt, aber die Hauptsache ist ja schließlich, dass es Spaß macht.

Muñecas

Gleich schlägt das letzte Stündlein der muñecas.

Kurz vor Mitternacht kamen dann die muñecas ins Spiel. Die Puppen wurden etwas abseits der Partyarea auf einen Haufen geworfen. Um Punkt 12 ertönten „Feliz año nuevo“-Rufe, es gab Küsschen links und Küsschen rechts, auch für uns. Dann wurden die Puppen mit Benzin übergossen und angezündet: Tschüss 2011, hallo 2012!

Feliz año nuevo 2012!
Die bösen Geister von 2011 werden ausgetrieben. Feliz año nuevo!

Die bösen Geister von 2011 werden ausgetrieben. Feliz año nuevo!

Das Schauspiel wollte ich natürlich mit der Kamera festhalten. Peng! Ein lauter Knall ertönte. Vor Schreck wich ich einen Schritt zurück und purzelte samt gezückter Kamera rücklings in den staubigen Graben. Das Fotografieren hatte sich damit erledigt, zum Glück aber nur für den Abend. Beim Verbrennen der Puppen war es anscheinend zu einer Verpuffung gekommen, kein Wunder bei der Benzinmenge.
Bereits um kurz nach halb eins machten wir uns auf den Heimweg. Wie waren k.o. von dem ereignisreichen Silvester, außerdem sollten wir am nächsten Morgen schon um kurz vor 8 Uhr zur Besteigung des Fuya Fuya abgeholt werden.

Mehr lesen...

Interessant? Dann gerne teilen!   Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone