Cuicocha-Lagune

Tag 1 im Andenhochland: Cuicocha-Lagune und Tunibamba

Vulkankegel und Kraterseen, Ponchos und Hüte, Indígenas und Quichua: Nach unserer Akklimatisierung in Quito machten wir uns auf ins Otavalo-Tal im nördlichen Andenhochland. Auf Boris‘ Anraten hin hatten wir ein 4-Tages-Paket bei dem lokalen Veranstalter Runa Tupari gebucht. Der Name ist hierbei Programm: Runa Tupari ist Quichua und heißt übersetzt so viel wie „Begegnung mit den Einheimischen“. Im Vordergrund steht der kulturelle Austausch zwischen Besuchern und Bewohnern der Region. Die Besucher werden bei einheimischen Gastfamilien untergebracht und wählen ein Ausflugsprogramm, bei dem sie von einem lokalen Guide geführt werden. Wir waren neugierig und gespannt.

Fahrt nach Otavalo

Mit unserem Taxi-Fahrer vom Vorabend hatten wir vereinbart, dass er uns am Morgen am Hotel abholt und zum Busbahnhof Carcelen im Norden von Quito fährt. Blöde Idee, denn die Fahrt war die teuerste unseres ganzen Urlaubs. Mit 20 USD haben wir etwa das Doppelte des normalen Fahrpreises bezahlt. Natürlich machte uns das nicht arm und natürlich gaben wir als „reiche Gringos“ gerne ein Trinkgeld, aber über den Tisch ziehen lassen wollten wir uns auch nicht. Lektion gelernt.
Nun galt es, den passenden Bus zu finden. Nach unserer Buserfahrung vom Vortag machte ich mir da Sorgen, die aber direkt zerstreut wurden. Es liefen gleich mehrere Männer rufend auf uns zu: „Ibarra?“, „Mindo?“, „Otavalo?“ – „Si, Otavalo!“ Wir folgten dem Otavalo-Mann zu einem Bus, der bereits in den Startlöchern stand. Während Jan unsere Rucksäcke im Gepäckfach verstaute, eilte ich zum Kartenschalter, um unsere Tickets zu erstehen. Fünf Minuten später saßen wir bereits im Bus. Das lief reibungslos. Die Fahrt nach Otavalo dauerte etwa 2 Stunden. Unterwegs stiegen immer mal wieder Verkäufer ein, die Getränke und Snacks anboten – sehr praktisch. In Otavalo angekommen nahmen wir uns ein Taxi, das uns zur Plaza de los Ponchos brachte, wo wir von unserem Guide Antonio empfangen wurden.

Cuicocha-Lagune: Wanderung um den Kratersee

Wir stiegen direkt ins Ausflugsprogramm ein. Ein Fahrer brachte uns zur Kraterlagune Cuicocha auf 3.070 m Höhe, die wir umrunden wollten. Die „Meerschweinchenlagune“ hat ihren Namen wegen der dort wild lebenden Meerschweinchen (lat.am. cuy) erhalten.

Cuicocha-Lagune mit Cotacachi im Hintergrund

Blick vom südöstlichen Ufer über die Cuicocha-Lagune. Im Hintergrund erhebt sich der stark erodierte Vulkan Cotacachi (4.935m).


Wir starteten die 11 km lange Wanderung am Südostufer bei bedecktem Himmel und ordentlichen Windböen. Der erste Wegteil war recht einfach. Er schlängelte sich mit leichtem Bergauf und Bergab am Kraterrand entlang, der steil zum See hin abfällt. Den Wegrand säumten hohe Gräser, Büsche, Blumen und Kräuter, die Antonio uns zwischendurch benannte und deren Einsatzgebiete und Wirkung erklärte. Pünktlich zum Anstieg kam die Sonne heraus. Die Temperaturen erreichten wieder fast 30°C, aber in Anbetracht unseres Sonnenbrandes vom Vortag ließen wir die Longsleeves lieber an. Bis zum Aussichtspunkt am Nordostufer mussten wir 300 Höhenmeter bewältigen – bei der Sonne und Höhe durchaus eine schweißtreibende Angelegenheit. Immer wieder wurden wir durch herrliche Ausblicke für unsere Mühen belohnt. Am Mirador legten wir eine kurze Verschnaufpause ein.

Frisch gestärkt ging es weiter, zunächst ganze 728 Stufen bergab. Uns erwartete eine dichte Vegetation, teils bildeten die Pflanzen regelrechte Tunnel über dem Weg. Es folgte ein letzter kleiner Anstieg, wo wir nochmal einen herrlichen Ausblick auf den See und den dahinter liegenden 4.935 m hohen Vulkan Cotacachi genießen konnten. Die letzten Meter unserer Wanderung führten durch einen schattigen Pinienwald, an dessen Ende uns ein Fahrer erwartete. Etwas mehr als 3,5 Stunden haben wir für die Tour gebraucht – gar nicht mal so schlecht, wenn man die Hitze und die Höhe bedenkt.

Bei Carmen in Tunibamba

Nach der Wanderung wurden wir zu unser Gastfamilie in dem kleinen Dorf Tunibamba gefahren. Wir wohnten bei Carmen und ihrem Mann, den beiden Töchtern Laura (11) und Julie (6) sowie Carmens Vater. Die Familie hat noch drei ältere Kinder, die in Quito wohnen und arbeiten.

Veranda von Carmens Haus

Blick auf die Veranda von Carmens Haus. Rechts geht es in die Küche und die linke Tür führt zu unserem Gästezimmer.

Wir bezogen unser Zimmer, das landestypisch eingerichtet war: Holzbetten und -möbel, bunte Gardinen, Tischdecken und Bettüberwürfe, Fußmatten aus geflochtenem Schilf, ein gemauerter Kamin in der Ecke. Gemütlich! Es war allerdings ein komisches Gefühl, zu wissen, dass wir besser untergebracht waren als unsere Gastgeber selbst. Während wir ein Badezimmer ensuite hatten, lag die Dusche der Familie in einem separaten Duschhäuschen außerhalb des Hauses. Zudem war unser Zimmer recht geräumig im Vergleich zum restlichen Haus.

Frauentag in Tunibamba

Carmen fragte uns, ob wir Lust hätten, mit zu den Feierlichkeiten des Frauentages zu kommen. Am vorletzten Tag des Jahres danken die Männer den Frauen des Dorfes für alles, was sie tagtäglich für ihre Familien tun (ähnlich unserem Muttertag). Nachmittags werden Spiele veranstaltet und abends werden die Frauen bekocht. Natürlich hatten wir Lust!
Das Frauenfest fand nur einige hundert Meter entfernt auf dem Gelände des örtlichen Kindergartens und der Grundschule statt. Aus einem Kofferradio ertönte ecuadorianische Musik, Kinder tobten über die Wiese und die Frauen saßen lachend und sich unterhaltend beisammen. Ein schönes Bild! Als wir auf dem Festplatz eintrafen, zogen wir die neugierigen Blicke der Dorfbevölkerung auf uns. Carmen stellte uns vor, woraufhin wir direkt freundlich in den Kreis der Feiernden aufgenommen wurden. Viele der Frauen waren traditionell gekleidet: Schwarzer oder dunkelblauer Rock mit passendem Umhängetuch, weiße Spitzenbluse mit bunten Stickereien, farbenfrohe Perlenketten und Armbänder sowie schwarze Schnürsandalen, die aus dem Cabuya-Kaktus gefertigt sind. Einige Frauen und viele der Kinder trugen aber auch westliche Kleidung, also Jeans und T-Shirt/Pullover. Wieder andere kombinierten beides und hatten einen Pulli zum traditionellen Rock an.

Tauziehen

Zwei Teams traten im Tauziehen gegeneinander an, während die anderen von der Seite anfeuerten.


Das nächste Spiel stand auf dem Programm: Tauziehen. Ich erinnere mich, dass es bei uns früher auf Schul- oder Kirchfesten auch Tauziehen gab, aber in den letzten Jahren scheint Tauziehen in Deutschland irgendwie ausgestorben zu sein. Hier jedenfalls hatten alle mächtig Spaß daran, sowohl die Aktiven als auch die Beifall klatschenden Zuschauer. Beim nächsten Spiel wurde ich zum Mitmachen aufgefordert. Wer kann da schon nein sagen? Bei diesem Wettlauf mussten wir im Mund Wasser aus einer Schüssel hinüber in eine leere Flasche transportieren. Wessen Flasche zuerst voll war, hatte gewonnen.

Wassertransportwettlauf

Wer zuerst eine Flasche mit Wasser gefüllt hat, das mit dem Mund aus einer Schüssel herüber transportiert werden musste, hatte gewonnen.

Ich hatte nicht den Hauch einer Chance! Meine Flasche war gerade mal halb voll, als die beiden anderen Frauen ihre Aufgabe erfüllt hatten. Ich weiß nicht, wo diese Frauen das Wasser lassen, denn langsamer gelaufen war ich nicht. Respekt!

Indígenas beim Hühnchenessen

Hühnchen mit Kartoffeln und Maisbrei. Es gibt zwar Besteck, die meisten Frauen essen aber trotzdem mit den Händen.

Etwas später wurden alle zum Essen gerufen. Wir gingen dazu in den Gruppenraum des Kindergartens, dessen einziges Mobiliar aus zig Plastikstühlen bestand, auf denen sich alle niederließen. Die Wände wurden von einigen bunten Girlanden geziert. Als Vorspeise gab es Maissuppe, die in typischen silbernen Plastikbechern serviert wurde. Der Hauptgang bestand aus Hühnchen mit Kartoffeln und Maisbrei. Ich bin absolut kein Mais-Fan, aber in Ecuador führt nun mal kein Weg an Mais vorbei. Zu trinken gab es Cola, Fanta & Co. Die Kinder liefen mit den großen 2-Liter-Flaschen durch den Raum und schenkten allen davon ein.
Ich war fasziniert von dem bunten Treiben. Leider habe ich in meiner Faszination nicht so viele Fotos geknipst, noch dazu sind viele der Fotos bei dem dämmrigen Innenlicht nicht sonderlich gut geworden. Schade, aber die Erinnerung selbst nimmt einem ja zum Glück keiner.

Für mein Tagesfazit nach diesem tollen Tag mit den Indígenos schließe ich mich den Worten des Schweizer Staatsrechtlers Carl Hilty an:

Achte auf das Kleine in der Welt, das macht das Leben reicher und zufriedener.

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